Nach den Ungarischen Meisterschaften ließ das nächste
Abenteuer nicht lange auf sich warten. Freitagabend fuhr ich mit Teamkollegen
Andy Attacke und Cross Konrad zu Turbo Tjorden, der unweit der dänischen Grenze
zu Hause ist. Eigentlich haben wir uns nur kurz hingelegt und sind dann wenige
Stunden später, am Samstagmorgen gleich weiter ins nördliche Dänemark
gefahren.
Als wir nach Dänemark einfuhren, konnte man leicht den
Eindruck gewinnen, dass die Gesamteinwohnerzahl bei ca. 8 liegt. Laut Navi waren
wir einen Kilometer vom Startort des Rennens entfernt, aber außer einer Kuh auf
der Weide sahen wir kein weiteres Lebewesen. Um die letzte Ecke herum mit Blick
auf das Start/Zielbanner bot sich uns dann aber ein völlig unerwarteter und
durchaus beängstigender Ausblick auf
Heerschaaren von blonden und durchtrainierten Rad-Wikingern, die in ihren
Feldlagern bereits die Carbonfelgen wetzten. Obwohl es sich um ein Lizenzrennen
handelte hatte man den Eindruck bei einem Jedermannrennen zu sein. Die
Organisation war erstaunlich gut mit Austellern, Essen und Trinken, ein richtiger
Event halt. Das Rennen war in verschiedene Klassen eingeteilt, die mit
Startnummern in verschiedenen Farben kenntlich gemacht und in kurzer
Startabfolge in die Windkantenschlacht geschickt wurden. Neben A, B, C, gab es
auch noch Klasse D und verschiedene Nachwuchs- und Seniorenkategorien. Analoge
Klassen für die Damen gab es auch, mit Rennen in denen richtige Pelotons
erkennbar waren. Das sollte ein normales Straßenrenn sein? Laut Turbo Tjorden,
der öfters in Dänemark Rennen fährt soll das immer so sein. Beeindruckend.
Vielleicht sollte der BDR ja mal eine Bildungsreise nach Dänemark machen.
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| Fertigmachen für den ersten Renntag |
Andy Attacke, Kross Konrad und Turbo Tjorden konnten im C-Rennen gemeinsame Sache machen. Ich musste mich allein im B-Rennen durchschlagen, welches in einer mir unbekannten Art und Weise gefahren wurde. Generell fahren die Dänen äußerst aggressiv. Ab dem ersten
Meter wird attackiert. Soweit kenn ich das. Aber wenn der oder die Ausreißer dann
wieder eingefangen sind, will keiner führen, man guckt sich an und der nächste
attackiert. Sprinten, bremsen, sprinten, bremsen aka. Kriterium über 3h. Selbst
wenn vorne schon eine Gruppe weg ist, wird attackiert. Die meisten kommen aber
nicht weit, was sie nicht davon abhält wieder und wieder mal für 500m in den
Wind zu sprinten. Eine funktionierende Nachführarbeit zu organisieren, war ein
Ding der Unmöglichkeit. Schnell ermüdend wanderte mein Blick auf den Tacho.
Sollte nicht mal endlich die erste Runde rum sein? Angeblich sollten 5 Runden
gefahren werden. Als dann aber die erste Durchfahrt kam, standen da 35km auf
meiner Uhr. Trotz geistiger Umnachtung aufgrund der Anstrengung und fehlenden
Taschenrechners, kam ich jedoch schnell darauf, dass 5 x 35km heute nicht
gefahren wurden, zumindest nicht von mir. Aber wir waren ja erst einmal durch und
ich lenkte mich mit anderen Beobachtungen ab. Insbesondere interessant fand ich,
dass trotz des hohen Levels an fahrerischer Aggressivität Kurven an- und
durchfahren wurden, als wenn Glatteis auf der Straße läge. Aber das hat wohl
damit etwas zu tun, dass der durchschnittliche radsporttreibende Däne kein Rad
unter 6000€ fährt und dieses nicht beschädigen möchte. Selbst die jüngsten
Nachwuchsathleten haben Material was jedem Profiteam das Wasser reichen könnte.
Da werden dann die Zipp in 26 Zoll für den achtjährigen Mørkov ausgepackt und nach zwei
Jahren mit fortschreitendem Wachstum dann halt gegen die 28 Zoll Zipp ausgetauscht. Mich
meines billigen 4000€-Rad schämend versuchte ich dann zumindest athletisch zu
überzeugen und schaffte in der dritten Runde den Sprung in eine Fluchtgruppe.
Als wir zur dritten Durchfahrt kamen und selbst der dicke Karlsson, der die letzten
20km nur gelutscht hatte anfing zu sprinten, wusste ich, dass ich mein Dänisch
verbessern musste, um beim nächsten Mal die genaue Rundenzahl in Erfahrung
bringen zu können. Einerseits war ich überrascht und etwas enttäuscht den
Sprint verpasst zu haben, andererseits erleichtert. Denn für 175km sprinten, bremsen,
sprinten, bremsen hätte mein einzelner Riegel nicht gereicht.
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| Turbo Tjorden mit Begleitcrew |
Nach dem ersten Rennen ging es in ein nahegelegenes Bed
& Breakfast, welches sehr komfortabel und mit allen Annehmlichkeiten
eingerichtet war. Wer einmal auf dem Italienischen Campingplatz war, freut sich
eben über eine richtige Toilette. Darüber hinaus war ich erfreut Cross Konrad
als meinen Zimmernachbarn zu haben. Nachdem ich die Kiste Red Bull in Andy
Attackes Kofferraum am Vortag entdeckt hatte, war ich schon in Sorge, dass die
Nächte kurz werden würden. So war es dann auch – aber zu meinem Glück nur für Andys Zimmernachbarn. Das ist halt wie im Rennen. Um Kraft zu sparen, muss
man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Andy beschloss nämlich am
nächsten Morgen um 5 Uhr aufzustehen und den lokalen Flohmarkt zu besuchen. Als
ich mich dann um 9Uhr an den Frühstückstisch schleppte saß Andy bereits in
vollem Rennoutfit da und fragte wann wir losfahren würden. Mit der Gegenfrage,
ob er denn schon warmgefahren sei, erkaufte ich mir 15 Minuten. An dieser
Stellte sei bemerkt, dass der Rennstart um 12:30 Uhr war und sich unsere
Anreise auf 30min beschränkte. Schach Matt, mein entspannter Morgen.
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| Verpflegung ist fertig |
Gehetzt und grau vom Vortag ging es in den zweiten Renntag.
Die Drohung hieß heute es gäbe Windkante. Der fünfmal zu befahrende 26km Kurs
(ja, diesmal hatte ich mich genau informiert) war flach und windig. Wobei die Windkante
dann nicht so schlimm ausfiel wie befürchtet. Für Auawe und den allgemeinen
Windkantenfrust hat es dann aber doch noch gereicht – und das nicht nur bei mir.
An einer Stelle des Rennens fuhr ich ordentlich in der Einerreihe auf der
Grasnarbe bis plötzlich der dickliche Karlsson vom Vortag wie ein Stein nach
hinten durchgereicht wurde. Als ich gerade um ihn herumfahren wollte entschied
er sich spontan mein kuschliges Windschattenplätzchen zu vereinnahmen, was mir aufgrund
meiner akuten Windallergie gar nicht gefiel. Ich zeigte mit der Hand an wieder
in meine Lücke fahren zu wollen. Dies funktionierte bei den allgemein sehr
netten Dänen eigentlich ganz gut. Nur nicht bei Moppelkarlsson. Als Zeichen der
höflichen Ablehnung nutzte der Kugelblitz das mir bis dato noch nicht bekannte internationale
Zeichen für „nein“, bei dem man ganz einfach seinen Ellbogen in die Rippen des
Dialogpartners rammt. Dieses Zeichen, aufgrund meines begrenzten
Zeichensprachenvokabulars missinterpretierend, nahm ich an der dicke Däne
wollte nur kuscheln. Wärmespendent lehnte ich mich also etwas an. Dies kam aber
auch nicht so gut an und ich sah peripher, wie der XXL Bjarne-Riis-Verschnitt
seine Hand vom Lenker nahm. Diesmal keine Herzlichkeit erwartend stellte ich
mein Rad etwas an, was dazu führte, dass Karlsson nicht mich wegschubste,
sondern sich mehr oder minder an mir in den Straßengraben abstoß. Ich winkte
noch kurz und frönte weiter dem Fahren auf der weißen Seitenlinie bei 50
Sachen, was dann aber schnell wieder in das bipolare Sprint-Brems-Muster
wechselte. Ich war wirklich grau vom Vortag und merkte schon, wie die
Oberschenkel zuckten. Ich lokalisierte also das Grupetto mit der Absicht Kräfte
für den nächsten Tag zu sparen. Aber selbst hier wurde bis zum letzten Meter
attackiert. Es ging sogar soweit, dass einige noch anfingen auf der Zielgerade zu sprinten – für Platz 25 oder so. Nach dem Rennen gratulierte ich allen
meinen Mitfahrern aus dem Grupetto, die durch ihren erfolgreichen Sprint vor
mir ins Ziel gekommen waren, nur um anschließend beim Wettkampfausschuss einen
heimlichen Protest wegen Festhaltens am Auto einzulegen. Nein, das habe ich
nicht wirklich gemacht. Aber lustig wär’s gewesen.
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| Andy Attacke war erfolgreich auf der Suche nach Schatten |
Am letzten Tag brannte der Planet und es ging auf eine Runde, die einen Anstieg beinhaltetet, der Teil einer Giro d‘Italia Etappe war,
als diese 2012 in Dänemark startete. Super, dachte ich mir, vor allem weil ich
kaum noch die Treppen rauf und runter kam. Zumindest gab es aber schon mal
keinen Wind. Das erste von sechs Mal die Welle rauf wurde ich direkt abgehängt
und schaffte mit drei weiteren Fahrern nur gerade so wieder den Anschluss. Beim
zweiten Mal versuchte ich die altbewährte Slip-und-Slide-Technik: vorne
reinfahren, langsam durchreichen lassen und am Ende des Feldes über die Kuppe
fahren. Das langsam durchreichen lassen ging aber deutlich zu schnell gemessen
an der Länge des Anstieges. Also hieß es leicht machen und mit rüber. Diesmal
reichte es aber immerhin für eine Verfolgergruppe. Diese fuhr dann erstaunlich
gleichmäßig für die nächsten drei Runden weiter. In der letzten Runde sahen wir
dann das Hauptfeld vor uns und schafften kurz vor dem finalen Anstieg den
Zusammenschluss. Ich mobilisierte noch mal alles um vorne mit drüber zu fahren.
Ich dachte mir, wenn die so einen Hobbysportler wie mich nicht vorher abstellen,
mach ich die nass. So kam es dann auch und ich wurde über die Welle zur Linie
geschleppt. Nur einer war noch dreister beim Kräftesparen und ich sprintete auf Platz des
Hauptfeldes über die Linie. Ganz vorne war noch eine sieben-Mann-Gruppe gewesen. Aber mit
meinem neunten Platz war ich an dem Tag mehr als zufrieden.
Vom Pfingstrückreiseverkehr größtenteils verschont fuhren
wir in Rekordzeit zurück nach Berlin. Die Tasche ließe ich aber weitestgehend
eingepackt, da es einen Tag später schon wieder nach Norden ging. Diesmal aber
ein Stück weiter, nämlich nach Schweden für die 300km Vätternrunde. Der nächste
Bericht folgt also in Kürze.





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