Seit meiner Zeit als schlecht bezahlter Berufsradfahrer oder besser noch, als überbezahlter Vollzeitamateur hatte ich nicht mehr einen solch dicht gestrickten Rennkalender, wie in diesem Jahr, wobei sich die Art der Events dann teilweise doch deutlich unterscheidet. Ohne großes Zutun meinerseits hat sich durch Einladungen von Freunden ein durchaus wilder Radport-Veranstatlungs-Mix ergeben. Neben den „normalen“ Lizenzrennen an fast jedem Wochenende ist von einem 30km-Zeitfahren in Reykjavik um Mitternacht bis zum sechsmaligen Befahrens des Mont Ventoux an einem Tag alles dabei. Nach der regen Leserschaft des letztjährigen Trans-Alp-Blogs und dem aktuell ähnlich großes Potential in Sachen Unterhaltungswert werde daher über den Verlauf der verbleibenden Saison meine Erlebnisse bei den verschiedenen Veranstaltungen an dieser Stelle mit euch teilen.

Freitag, 13. Juni 2014

Rennserie in Dänemark (07. – 09.06.2014)

Nach den Ungarischen Meisterschaften ließ das nächste Abenteuer nicht lange auf sich warten. Freitagabend fuhr ich mit Teamkollegen Andy Attacke und Cross Konrad zu Turbo Tjorden, der unweit der dänischen Grenze zu Hause ist. Eigentlich haben wir uns nur kurz hingelegt und sind dann wenige Stunden später, am Samstagmorgen gleich weiter ins nördliche Dänemark gefahren. 

Als wir nach Dänemark einfuhren, konnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass die Gesamteinwohnerzahl bei ca. 8 liegt. Laut Navi waren wir einen Kilometer vom Startort des Rennens entfernt, aber außer einer Kuh auf der Weide sahen wir kein weiteres Lebewesen. Um die letzte Ecke herum mit Blick auf das Start/Zielbanner bot sich uns dann aber ein völlig unerwarteter und durchaus  beängstigender Ausblick auf Heerschaaren von blonden und durchtrainierten Rad-Wikingern, die in ihren Feldlagern bereits die Carbonfelgen wetzten. Obwohl es sich um ein Lizenzrennen handelte hatte man den Eindruck bei einem Jedermannrennen zu sein. Die Organisation war erstaunlich gut mit Austellern, Essen und Trinken, ein richtiger Event halt. Das Rennen war in verschiedene Klassen eingeteilt, die mit Startnummern in verschiedenen Farben kenntlich gemacht und in kurzer Startabfolge in die Windkantenschlacht geschickt wurden. Neben A, B, C, gab es auch noch Klasse D und verschiedene Nachwuchs- und Seniorenkategorien. Analoge Klassen für die Damen gab es auch, mit Rennen in denen richtige Pelotons erkennbar waren. Das sollte ein normales Straßenrenn sein? Laut Turbo Tjorden, der öfters in Dänemark Rennen fährt soll das immer so sein. Beeindruckend. Vielleicht sollte der BDR ja mal eine Bildungsreise nach Dänemark machen.

Fertigmachen für den ersten Renntag
Andy Attacke, Kross Konrad und Turbo Tjorden konnten im C-Rennen gemeinsame Sache machen. Ich musste mich allein im B-Rennen durchschlagen, welches in einer mir unbekannten Art und Weise gefahren wurde. Generell fahren die Dänen äußerst aggressiv. Ab dem ersten Meter wird attackiert. Soweit kenn ich das. Aber wenn der oder die Ausreißer dann wieder eingefangen sind, will keiner führen, man guckt sich an und der nächste attackiert. Sprinten, bremsen, sprinten, bremsen aka. Kriterium über 3h. Selbst wenn vorne schon eine Gruppe weg ist, wird attackiert. Die meisten kommen aber nicht weit, was sie nicht davon abhält wieder und wieder mal für 500m in den Wind zu sprinten. Eine funktionierende Nachführarbeit zu organisieren, war ein Ding der Unmöglichkeit. Schnell ermüdend wanderte mein Blick auf den Tacho. Sollte nicht mal endlich die erste Runde rum sein? Angeblich sollten 5 Runden gefahren werden. Als dann aber die erste Durchfahrt kam, standen da 35km auf meiner Uhr. Trotz geistiger Umnachtung aufgrund der Anstrengung und fehlenden Taschenrechners, kam ich jedoch schnell darauf, dass 5 x 35km heute nicht gefahren wurden, zumindest nicht von mir. Aber wir waren ja erst einmal durch und ich lenkte mich mit anderen Beobachtungen ab. Insbesondere interessant fand ich, dass trotz des hohen Levels an fahrerischer Aggressivität Kurven an- und durchfahren wurden, als wenn Glatteis auf der Straße läge. Aber das hat wohl damit etwas zu tun, dass der durchschnittliche radsporttreibende Däne kein Rad unter 6000€ fährt und dieses nicht beschädigen möchte. Selbst die jüngsten Nachwuchsathleten haben Material was jedem Profiteam das Wasser reichen könnte. Da werden dann die Zipp in 26 Zoll für den achtjährigen Mørkov ausgepackt und nach zwei Jahren mit fortschreitendem Wachstum dann halt gegen die 28 Zoll Zipp ausgetauscht. Mich meines billigen 4000€-Rad schämend versuchte ich dann zumindest athletisch zu überzeugen und schaffte in der dritten Runde den Sprung in eine Fluchtgruppe. Als wir zur dritten Durchfahrt kamen und selbst der dicke Karlsson, der die letzten 20km nur gelutscht hatte anfing zu sprinten, wusste ich, dass ich mein Dänisch verbessern musste, um beim nächsten Mal die genaue Rundenzahl in Erfahrung bringen zu können. Einerseits war ich überrascht und etwas enttäuscht den Sprint verpasst zu haben, andererseits erleichtert. Denn für 175km sprinten, bremsen, sprinten, bremsen hätte mein einzelner Riegel nicht gereicht.

Turbo Tjorden mit Begleitcrew
Nach dem ersten Rennen ging es in ein nahegelegenes Bed & Breakfast, welches sehr komfortabel und mit allen Annehmlichkeiten eingerichtet war. Wer einmal auf dem Italienischen Campingplatz war, freut sich eben über eine richtige Toilette. Darüber hinaus war ich erfreut Cross Konrad als meinen Zimmernachbarn zu haben. Nachdem ich die Kiste Red Bull in Andy Attackes Kofferraum am Vortag entdeckt hatte, war ich schon in Sorge, dass die Nächte kurz werden würden. So war es dann auch – aber zu meinem Glück nur für Andys Zimmernachbarn. Das ist halt wie im Rennen. Um Kraft zu sparen, muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Andy beschloss nämlich am nächsten Morgen um 5 Uhr aufzustehen und den lokalen Flohmarkt zu besuchen. Als ich mich dann um 9Uhr an den Frühstückstisch schleppte saß Andy bereits in vollem Rennoutfit da und fragte wann wir losfahren würden. Mit der Gegenfrage, ob er denn schon warmgefahren sei, erkaufte ich mir 15 Minuten. An dieser Stellte sei bemerkt, dass der Rennstart um 12:30 Uhr war und sich unsere Anreise auf 30min beschränkte. Schach Matt, mein entspannter Morgen.

Verpflegung ist fertig
Gehetzt und grau vom Vortag ging es in den zweiten Renntag. Die Drohung hieß heute es gäbe Windkante. Der fünfmal zu befahrende 26km Kurs (ja, diesmal hatte ich mich genau informiert) war flach und windig. Wobei die Windkante dann nicht so schlimm ausfiel wie befürchtet. Für Auawe und den allgemeinen Windkantenfrust hat es dann aber doch noch gereicht – und das nicht nur bei mir. An einer Stelle des Rennens fuhr ich ordentlich in der Einerreihe auf der Grasnarbe bis plötzlich der dickliche Karlsson vom Vortag wie ein Stein nach hinten durchgereicht wurde. Als ich gerade um ihn herumfahren wollte entschied er sich spontan mein kuschliges Windschattenplätzchen zu vereinnahmen, was mir aufgrund meiner akuten Windallergie gar nicht gefiel. Ich zeigte mit der Hand an wieder in meine Lücke fahren zu wollen. Dies funktionierte bei den allgemein sehr netten Dänen eigentlich ganz gut. Nur nicht bei Moppelkarlsson. Als Zeichen der höflichen Ablehnung nutzte der Kugelblitz das mir bis dato noch nicht bekannte internationale Zeichen für „nein“, bei dem man ganz einfach seinen Ellbogen in die Rippen des Dialogpartners rammt. Dieses Zeichen, aufgrund meines begrenzten Zeichensprachenvokabulars missinterpretierend, nahm ich an der dicke Däne wollte nur kuscheln. Wärmespendent lehnte ich mich also etwas an. Dies kam aber auch nicht so gut an und ich sah peripher, wie der XXL Bjarne-Riis-Verschnitt seine Hand vom Lenker nahm. Diesmal keine Herzlichkeit erwartend stellte ich mein Rad etwas an, was dazu führte, dass Karlsson nicht mich wegschubste, sondern sich mehr oder minder an mir in den Straßengraben abstoß. Ich winkte noch kurz und frönte weiter dem Fahren auf der weißen Seitenlinie bei 50 Sachen, was dann aber schnell wieder in das bipolare Sprint-Brems-Muster wechselte. Ich war wirklich grau vom Vortag und merkte schon, wie die Oberschenkel zuckten. Ich lokalisierte also das Grupetto mit der Absicht Kräfte für den nächsten Tag zu sparen. Aber selbst hier wurde bis zum letzten Meter attackiert. Es ging sogar soweit, dass einige noch anfingen auf der Zielgerade zu sprinten – für Platz 25 oder so. Nach dem Rennen gratulierte ich allen meinen Mitfahrern aus dem Grupetto, die durch ihren erfolgreichen Sprint vor mir ins Ziel gekommen waren, nur um anschließend beim Wettkampfausschuss einen heimlichen Protest wegen Festhaltens am Auto einzulegen. Nein, das habe ich nicht wirklich gemacht. Aber lustig wär’s gewesen.

Andy Attacke war erfolgreich auf der Suche nach Schatten
Am letzten Tag brannte der Planet und es ging auf eine Runde, die einen Anstieg beinhaltetet, der Teil einer Giro d‘Italia Etappe war, als diese 2012 in Dänemark startete. Super, dachte ich mir, vor allem weil ich kaum noch die Treppen rauf und runter kam. Zumindest gab es aber schon mal keinen Wind. Das erste von sechs Mal die Welle rauf wurde ich direkt abgehängt und schaffte mit drei weiteren Fahrern nur gerade so wieder den Anschluss. Beim zweiten Mal versuchte ich die altbewährte Slip-und-Slide-Technik: vorne reinfahren, langsam durchreichen lassen und am Ende des Feldes über die Kuppe fahren. Das langsam durchreichen lassen ging aber deutlich zu schnell gemessen an der Länge des Anstieges. Also hieß es leicht machen und mit rüber. Diesmal reichte es aber immerhin für eine Verfolgergruppe. Diese fuhr dann erstaunlich gleichmäßig für die nächsten drei Runden weiter. In der letzten Runde sahen wir dann das Hauptfeld vor uns und schafften kurz vor dem finalen Anstieg den Zusammenschluss. Ich mobilisierte noch mal alles um vorne mit drüber zu fahren. Ich dachte mir, wenn die so einen Hobbysportler wie mich nicht vorher  abstellen, mach ich die nass. So kam es dann auch und ich wurde über die Welle zur Linie geschleppt. Nur einer war noch dreister beim Kräftesparen und ich sprintete auf Platz des Hauptfeldes über die Linie. Ganz vorne war noch eine sieben-Mann-Gruppe gewesen. Aber mit meinem neunten Platz war ich an dem Tag mehr als zufrieden.

Fundstück des Wochenendes: bei jedem Rennen war dieses Schild zu finden, über das ich lange nachgedacht habe. Mit einem Komma hieße es "Dropzone, (du) Schlampe", was bedeutet  wirf deine Flaschen etc. nur hier hin und nirgendswo anders - du Schlampe! (Im Sinne von "du unordentlicher Mensch") Oder sollte es etwas bedeuten Dropzone für Schlampen? Wenn man nicht mehr zufrieden ist, einfach hier abladen? Wir werden es wohl nie erfahren...
Vom Pfingstrückreiseverkehr größtenteils verschont fuhren wir in Rekordzeit zurück nach Berlin. Die Tasche ließe ich aber weitestgehend eingepackt, da es einen Tag später schon wieder nach Norden ging. Diesmal aber ein Stück weiter, nämlich nach Schweden für die 300km Vätternrunde. Der nächste Bericht folgt also in Kürze.

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