Seit meiner Zeit als schlecht bezahlter Berufsradfahrer oder besser noch, als überbezahlter Vollzeitamateur hatte ich nicht mehr einen solch dicht gestrickten Rennkalender, wie in diesem Jahr, wobei sich die Art der Events dann teilweise doch deutlich unterscheidet. Ohne großes Zutun meinerseits hat sich durch Einladungen von Freunden ein durchaus wilder Radport-Veranstatlungs-Mix ergeben. Neben den „normalen“ Lizenzrennen an fast jedem Wochenende ist von einem 30km-Zeitfahren in Reykjavik um Mitternacht bis zum sechsmaligen Befahrens des Mont Ventoux an einem Tag alles dabei. Nach der regen Leserschaft des letztjährigen Trans-Alp-Blogs und dem aktuell ähnlich großes Potential in Sachen Unterhaltungswert werde daher über den Verlauf der verbleibenden Saison meine Erlebnisse bei den verschiedenen Veranstaltungen an dieser Stelle mit euch teilen.

Freitag, 30. Mai 2014

Ungarische Kriteriumsmeisterschaften (25.05.2014)

Durch die Einladung einer Athletin, die ich als Trainer betreue hatte ich die Möglichkeit für ein paar Tage nach Ungarn zu reisen, um dort der hiesigen Nationalen Meisterschaft im Kriteriumsfahren beizuwohnen. Schnell entstand die Idee selbst an der Veranstaltung teilzunehmen. Da Ungarn, gar kein Problem. Regeln in jeglicher Hinsicht sind dort eher so etwas wie unverbindliche Empfehlungen, wie ich relativ schnell lernen sollte.

Auf nach Ungarn also. Auto vollgepackt und los. Alles lief super, nur ab Prag wurde es dann kriminell. Dort gibt es einen Autobahnabschnitt mit einer auf ca. 4 x 10km verteilten Baustelle bei der die linke Spur nur für Autos freigegeben ist, die bis zu zwei Meter breit sein dürfen. Das Problem, die Spur selbst ist so ziemlich genau 2m breit. Ich hab schon viele enge Spuren und sonstige Fahrwege gesehen, aber wenn man die Spiegel anklappen muss, damit es nicht knuspert ist es wirklich eng. Spiegel anklappen war sowieso besser, da ich so nicht von der ständigen Lichthupe des tschechischen Jeeps geblendet wurde, der mir nach hinten so viel Raum ließ, wie die Leitplanke links und der rumänische LKW rechts. Der Stresslevel war vergleichbar mit einer Passabfahrt zusammen mit Andy Attacke in den Alpen.

Egal, es ging stetig gen Osten, was man daran erkennen konnte, dass bei der Beschilderung mehr und mehr Vokale eingespart, die Fahrweise immer „mutiger“ und die Straßen immer „interessanter“ wurden. Kurz vor Ungarn wurden wir Zeugen, als dem vor uns fahrenden slowakischen Lieferwagen, der rechte hintere Reifen platzte und wie Asche nach einem Vulkanausbruch in größeren und kleineren Stück auf uns niederregnete. Später in Ungarn, lernte ich dann die interessante Konvention kennen, dass man zu jederzeit und überall überholen darf. Der Gegenverkehr weicht schon aus. Was sonst soll man auch machen, wenn einem zwei LKW nebeneinander auf einer zweispurigen Landstraße mit 100km/h entgegen rasen. Dann geht es halt mal kurz auf die Grasnarbe, wie bei einer Windstaffel. Ob Rasen oder Straße ist eh egal. Fühlt sich vom Fahrgefühl beides ähnlich an. Nach spannenden 10 Stunden, die sich wie 20 Stunden anfühlten kamen wir dann aber endlich bei unserer Gastfamilie an, die uns mit Palinka begrüßte. Von da an war es ein Home Run.

Nach dem Anreisetag gab es einen freien Tag, den wir hauptsächlich mit Essen und Trinken verbrachten. Dies war nicht optional und aus Höflichkeit mussten alle angebotenen Lebensmittel zumindest probiert, besser aber vollständig verspeist werden. Ab um 10 Uhr Morgens ist es dort übrigens normal Alkohol zu trinken und gegessen wird hauptsächlich Fleisch. Ungarn ist also ein kulinarischer Männertraum. Gegen 17 Uhr haben wir uns dann irgendwie in unsere Radklamotten gezwängt und sind alibimäßig eine Stunde Rad gefahren um Platz zu schaffen für weitere tierische Proteine und Palinka.


Am darauffolgenden Tag stand dann das Rennen an. Zu meiner Überraschung fand dieses auf der besten Straße in Ungarn statt, mit Asphalt und so. Der Kurs war ca. 1,5km lang und befand sich in einem kleinen Nest, dessen Name ausschließlich aus Konsonanten und Umlauten bestand. Das Rennformat war ein klassisches Kriterium. Alle drei Runden gibt es 5,3,2 und einen Punkt. Letzte Wertung doppelt. Wer die meisten Punkte hat gewinnt. Es gab 6 Kurven, die sogar gefegt waren und eine ordentliche Absperrung. Gefahren wurde dann aber wieder analog zum Verhalten im allgemeinen Straßenverkehr. In jeder Kurve aufs neue wurde überprüft, ob die Gesetzte der Physik sich seit der letzten Kurve verändert hatten, nur um auf der Seite über den Asphalt schlitternd festzustellen: „Nein, alles so wie immer“. 



Ich hielt mich aus dem Gröbsten raus und konnte mich irgendwie in der Spitze behaupten. Die Affenhitze und die zwei an den Vortagen getrunkenen Liter reinen Alkohols unterschätzend hielt ich bei den ersten zwei Wertungen voll mit rein und konnte jeweils Zweiter werden. Dann war mir irgendwie schlecht. Aber davon abgesehen hatte ich mit diesen frühen sechs Punkten die Aufmerksamkeit der fünf Teams, die mit jeweils 4-7 Mann am Start waren auf mich gezogen. Obwohl ich außerhalb der Wertung fuhr wurde ich ab dann renntaktisch wie der Hauptanwärter auf den Ungarischen Meistertitel behandelt. Isoliert und stetig attackiert kam dann mein Freund „Larry Lactato“ zu Besuch und ich redete mit ein, dass ich hier zum Spaß sei. Naja, am Ende konnte ich mich dann noch etwas von meiner Gruppe absetzten und es reichte für Platz 5.


Vor der Heimreise am übernächsten Tag legten wir noch einen weiteren Tag mit sechs Hauptmahlzeiten plus Snacks zwischen den Hauptmahlzeiten ein. Aber diesmal fuhren wir sogar ganze zwei Stunden Rad. Die Heimreise kam mir dann schon wie komplette Routine vor, als ich mit Lichthupe den Tschechischen Jeep vor mir durch die Baustelle bei Prag trieb, vorbei an den Kolonnen rumänischer LKWs. 

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