Durch die Einladung einer Athletin, die ich als Trainer betreue hatte ich die Möglichkeit für ein
paar Tage nach Ungarn zu reisen, um dort der hiesigen Nationalen Meisterschaft
im Kriteriumsfahren beizuwohnen. Schnell entstand die Idee selbst an der
Veranstaltung teilzunehmen. Da Ungarn, gar kein Problem. Regeln in jeglicher
Hinsicht sind dort eher so etwas wie unverbindliche Empfehlungen, wie ich relativ
schnell lernen sollte.
Auf nach Ungarn also. Auto vollgepackt und los. Alles lief super, nur ab Prag wurde es dann kriminell. Dort gibt
es einen Autobahnabschnitt mit einer auf ca. 4 x 10km verteilten Baustelle bei
der die linke Spur nur für Autos freigegeben ist, die bis zu zwei Meter breit sein
dürfen. Das Problem, die Spur selbst ist so ziemlich genau 2m breit. Ich hab
schon viele enge Spuren und sonstige Fahrwege gesehen, aber wenn man die
Spiegel anklappen muss, damit es nicht knuspert ist es wirklich eng. Spiegel
anklappen war sowieso besser, da ich so nicht von der ständigen Lichthupe des tschechischen
Jeeps geblendet wurde, der mir nach hinten so viel Raum ließ, wie die
Leitplanke links und der rumänische LKW rechts. Der Stresslevel war
vergleichbar mit einer Passabfahrt zusammen mit Andy Attacke in den Alpen.
Egal,
es ging stetig gen Osten, was man daran erkennen konnte, dass bei der Beschilderung mehr und mehr
Vokale eingespart, die Fahrweise immer „mutiger“ und die Straßen immer „interessanter“
wurden. Kurz vor Ungarn wurden wir Zeugen, als dem vor uns fahrenden slowakischen
Lieferwagen, der rechte hintere Reifen platzte und wie Asche nach einem
Vulkanausbruch in größeren und kleineren Stück auf uns niederregnete. Später in
Ungarn, lernte ich dann die interessante Konvention kennen, dass man zu
jederzeit und überall überholen darf. Der Gegenverkehr weicht schon aus. Was
sonst soll man auch machen, wenn einem zwei LKW nebeneinander auf einer
zweispurigen Landstraße mit 100km/h entgegen rasen. Dann geht es halt mal kurz
auf die Grasnarbe, wie bei einer Windstaffel. Ob Rasen oder Straße ist eh egal.
Fühlt sich vom Fahrgefühl beides ähnlich an. Nach spannenden 10 Stunden, die
sich wie 20 Stunden anfühlten kamen wir dann aber endlich bei unserer Gastfamilie
an, die uns mit Palinka begrüßte. Von da an war es ein Home Run.
Nach dem Anreisetag gab es einen freien Tag, den wir hauptsächlich
mit Essen und Trinken verbrachten. Dies war nicht optional und aus Höflichkeit mussten alle angebotenen Lebensmittel zumindest probiert, besser aber vollständig verspeist werden. Ab um 10 Uhr Morgens ist es dort übrigens normal Alkohol zu
trinken und gegessen wird hauptsächlich Fleisch. Ungarn ist also ein
kulinarischer Männertraum. Gegen 17 Uhr haben wir uns dann irgendwie in unsere
Radklamotten gezwängt und sind alibimäßig eine Stunde Rad gefahren um Platz zu schaffen für weitere tierische Proteine und
Palinka.
Am darauffolgenden Tag stand dann das Rennen an. Zu meiner
Überraschung fand dieses auf der besten Straße in Ungarn statt, mit Asphalt und
so. Der Kurs war ca. 1,5km lang und befand sich in einem kleinen Nest, dessen
Name ausschließlich aus Konsonanten und Umlauten bestand. Das Rennformat war
ein klassisches Kriterium. Alle drei Runden gibt es 5,3,2 und einen Punkt.
Letzte Wertung doppelt. Wer die meisten Punkte hat gewinnt. Es gab 6 Kurven,
die sogar gefegt waren und eine ordentliche Absperrung. Gefahren wurde dann
aber wieder analog zum Verhalten im allgemeinen Straßenverkehr. In jeder Kurve
aufs neue wurde überprüft, ob die Gesetzte der Physik sich seit der letzten
Kurve verändert hatten, nur um auf der Seite über den Asphalt schlitternd festzustellen: „Nein, alles so wie immer“.
Ich hielt mich aus dem Gröbsten
raus und konnte mich irgendwie in der Spitze behaupten. Die Affenhitze und die zwei
an den Vortagen getrunkenen Liter reinen Alkohols unterschätzend hielt ich bei
den ersten zwei Wertungen voll mit rein und konnte jeweils Zweiter werden. Dann
war mir irgendwie schlecht. Aber davon abgesehen hatte ich mit diesen frühen sechs
Punkten die Aufmerksamkeit der fünf Teams, die mit jeweils 4-7 Mann am Start waren
auf mich gezogen. Obwohl ich außerhalb der Wertung fuhr wurde ich ab dann
renntaktisch wie der Hauptanwärter auf den Ungarischen Meistertitel behandelt. Isoliert und stetig attackiert
kam dann mein Freund „Larry Lactato“ zu Besuch und ich redete mit ein, dass ich
hier zum Spaß sei. Naja, am Ende konnte ich mich dann noch etwas von meiner
Gruppe absetzten und es reichte für Platz 5.
Vor der Heimreise am übernächsten Tag legten wir noch
einen weiteren Tag mit sechs Hauptmahlzeiten plus Snacks zwischen den Hauptmahlzeiten ein. Aber diesmal fuhren wir sogar ganze zwei Stunden Rad. Die Heimreise kam mir dann schon wie komplette Routine vor,
als ich mit Lichthupe den Tschechischen Jeep vor mir durch die Baustelle bei
Prag trieb, vorbei an den Kolonnen rumänischer LKWs.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen