Seit meiner Zeit als schlecht bezahlter Berufsradfahrer oder besser noch, als überbezahlter Vollzeitamateur hatte ich nicht mehr einen solch dicht gestrickten Rennkalender, wie in diesem Jahr, wobei sich die Art der Events dann teilweise doch deutlich unterscheidet. Ohne großes Zutun meinerseits hat sich durch Einladungen von Freunden ein durchaus wilder Radport-Veranstatlungs-Mix ergeben. Neben den „normalen“ Lizenzrennen an fast jedem Wochenende ist von einem 30km-Zeitfahren in Reykjavik um Mitternacht bis zum sechsmaligen Befahrens des Mont Ventoux an einem Tag alles dabei. Nach der regen Leserschaft des letztjährigen Trans-Alp-Blogs und dem aktuell ähnlich großes Potential in Sachen Unterhaltungswert werde daher über den Verlauf der verbleibenden Saison meine Erlebnisse bei den verschiedenen Veranstaltungen an dieser Stelle mit euch teilen.

Mittwoch, 13. August 2014

Mont Ventoux (19.07.2014)

Wie es dazu kam. Eine mögliche Erklärung:
Nachdem ich dieses Jahr überraschenderweise nicht für die Tour de France nominiert wurde, dachte ich mir mach ich doch einfach meine eigene. Da ich jedoch keine Zeit hatte drei Wochen quer durch das Franzosenland zu fahren, musste eine effektivere Lösung her. Als erstes habe ich mir überlegt einfach alle Flachetappen wegzurationalisieren. Zu einer Entscheidung im Gesamtklassement kommt es hier eh nie. Da schlaf ich schon beim Zugucken im Fernsehen immer ein. Die verbleibenden, rennentscheidenden Bergankünfte habe ich dann einfach zusammengefasst und in einen Event gepackt. Da ich aus Gründen der weiteren Kosten- und vor allem Zeiteffizienz aber nicht von Berg zu Berg durch Frankreich fahren wollte, war die Lösung naheliegend einfach alle Bergankünfte an einem einzigen Berg durch mehrfaches Befahren zu simulieren. Also ging es zum Berg der Berge, dem Mont Ventoux, um diesen dann sechs Mal am Stück zu erklimmen.

Wie es dazu kam. Die Wahrheit:
Mein Vereinskollege, Uwe fragte mich vor geraumer Zeit ob ich den Club des Cinglés du Mont-Ventoux kennen würde. Da sich dies verdächtig nach Französisch anhörte wollte ich eigentlich spontan antworten, dass ich mit der Sache nichts zu tun haben wollte. Aus Höflichkeit erkundigte ich mich dann aber doch worum es sich handelte. Uwe klärte mich auf, dass es hierbei um einen Club ging, in dem man nur als Mitglied aufgenommen würde, wenn man die sogenannte „Cinglés-Prüfung“ besteht. Dafür muss man den Mont Ventoux lediglich auf all seinen drei asphaltierten Passstraßen jeweils bis zum Gipfel befahren. Der Clou ist, dass dies an einem Tag geschehen muss. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte ihn zu begleiten. Nein, hatte ich nicht, dachte ich mir spontan. Fett sein, gepaart mit Trainingsfaulheit und Berge vertragen sich eben nicht. Außerdem müsste ich nach Frankreich und das auch noch in meiner Freizeit! Aus irgendeinem Grund packte mich dann aber doch die Neugier und ich guckte mir die Sache einige Zeit später etwas näher an. Eine Internetrecherche ergab, dass es neben der von Uwe genannten Challenge noch zwei Alternativen gab, um in den Club zu kommen. Die „Galériens“ bestand darin den Berg an einem Tag nicht nur auf seinen drei asphaltierten Straßen zu gipfeln, sondern zusätzlich auch auf der vierten, nicht asphaltierten Piste. Die letzte der drei Alternativen, die „Bicinglettes“ war ganz simpel die „Cinglés“ mal zwei. Man musste also innerhalb von 24h je zweimal alle drei asphaltierten Passstraßen auf den Mont Ventoux befahren.

Die Challenges in der Übersicht:
Cinglés:         3 x Ventoux = 136km, 4443hm
Galériens:      4 x Ventoux = 187km, 6052hm
Bicinglettes:   6 x Ventoux = 272km, 8886hm

Die drei asphaltierten Anstiege:
Sault:        Der längste aber leichteste - 26km, 4,7% Steigung ø, 9,5% Steigung Max, 1220hm
Bédoin:      Der steilste/schwerste - 21km, 7,5% Steigung ø, 10,7% Steigung Max, 1610hm
Malaucène: Der windigste - 21km, 7,5% Steigung ø, 10,5% Steigung Max, 1570hm

Uwe wollte die Cinglés absolvieren. Die Statistik verriet mir, dass von den bisherigen 7200 Absolventen 92,48%, also 6658 dies getan hatten. Den Galeriens hatten 453 (6,29%) bis dato absolviert und den Bicinglettes hatten sich bis dahin nur 1,23%, also 89 Schwachköpfe erfolgreich angetan. Ich dachte mir, wenn ich schon nach Frankreich fahren, um einen Berg immer wieder rauf- und runterzufahren, dann nicht um Mitglied in irgendeinem Club zu werden, sondern um etwas zu versuchen, was für mich eine richtige Herausforderung darstellte. Eine echte persönliche Challenge halt. Dreimal hochfahren hätte einfach nur weh getan, aber wäre keine existenzielle Challenge gewesen und hätte mich vielleicht an, jedoch nicht über meine Grenzen gebracht. Folgerichtig meldete ich mich in meiner geistigen Umnachtung für die Bicinglettes an.

Uwe und ich fuhren also nach Frankreich. Nach nur 15 Stunden im Auto (gute Idee) erreichten wir die in eine warme Abendsonne gehüllten Lavendelfelder der Provence und checkten in unser Hotel in Sault ein. Am Folgetag schlug ich vor den Ventoux mit seinen 1912m schon einmal zur Besichtigung mit dem Rad zu befahren. Uwe wollte eher Kraft sparen, was in der Betrachtung im Nachhinein deutlich mehr Sinn gemacht hätte. Spontan  argumentierte ich  jedoch, dass wenn uns der einmalige Aufstieg am Vortag schon Probleme bereiten sollte, wir am nächsten Tag der Zeitersparnis wegen direkt die Heimreise antreten könnten. Also rauf. War heiß. Spaßlevel medium. Der Anblick des Gedenksteins für Tom Simpson, der schon beim einmaligen Versuch den Ventoux bei der Tour 1967 zu gipfeln sein Leben ließ, trug auch nicht nur Aufmunterung bei. Der einzige Lichtblick war das anschließende Bier.

Beim ersten Mal konnte man noch lachen.
Wir gingen früh ins Bett denn der Plan war um drei Uhr aufzustehen und um vier Uhr auf dem Rad zu sitzen. Von Sault aus, nach der Durchfahrung eines dunklen Waldstücks inklusive einiger Begegnungen mit Steinböcken, Rehen und sonstigen Waldbewohnern erreichten wir zwei Stunden nach unserem Start zum ersten Mal an jenem Tag den Gipfel. Nach einer kurzen Bewunderung des Sonnenaufgangs stürzten wir uns in die Abfahrt nach Bédoin. Beim Erreichen der Ortschaft hieß es Beweisfoto machen, denn Stempel für die Kontrollkarte bekam man um diese Zeit noch nicht. Dann machten wir zügig kehrt und fuhren wieder gen Gipfel. Der Aufstieg von Bedoin, führte ebenso wie der von Sault durch ein Waldstück. Er war zwar um fünf Kilometer kürzer, aber dafür ungleich steiler. Mit meiner Standard-Kurbel stand ich auf meinem 27er-Ritzel und wir bewegten uns mit 10 km/h langsam, aber stetig der Kreuzung Chalet Reynard entgegen, die auf Höhe der Baumgrenze, ca. sechs Kilometer unterhalb des Gipfels lag. Hier trafen die Aufstiege Sault und Bédoin aufeinander und vereinten sich für die letzten sechs Kilometer hinauf zur Spitze. Nach der zweiten Gipfelung ging es dann ohne große Verzögerung auf der Rückseite des Ventoux hinunter nach Malaucène. Hier legten wir einen kurzen Bäckerstop ein und unterhielten uns ein wenig mit Australischen Radtouristen.

Generell war es ab 9 Uhr unglaublich voll am Ventoux. Aber es wimmelte nicht nur von Radtouristen, die den Berg bezwingen wollten, sondern von fast ebenso vielen Sportfotografen, die dich beim Bergauffahren aufforderten zu lächeln, ein Foto von deiner grinsenden Schmerz-Visage machten, dir dann im Vorbeifahren ihre Visitenkarte zusteckten, während sie dich mit einem „Bon Courage“ verabschiedeten und sich schon dem nächsten Radkloppi zudrehten. Irgendwie erinnerte mich dies an die Mexikaner in Las Vegas, die vor jedem Etablissement stehend, einen im Vorbeigehen mit Flyern oder ähnlichem versorgen. Dort konnte ich mir wenigstens die Hände in die Taschen stecken, was jedoch am Ventoux eher schwer fiel. Also akzeptierte ich freundlich lächelnd unzählige Visitenkarten, die am Tagesende eine meiner Trikottaschen gänzlich füllten.

Nachdem wir gegen Mittag das dritte Mal den Ventoux bezwungen hatten, war Uwes Tageswerk vollbracht. Wir rollten gemeinsam hinab zum Restaurant, Chalet Reynard, wo Uwe sich eine ordentliche Stärkung genehmigte. Ich fuhr währenddessen direkt weiter hinab nach Bedoin - zum zweiten Mal. Beim erneuten Aufstieg kam ein ambitionierter Amateur von hinten an mir vorbeigefahren. Trotz der mittlerweile vierten Befahrung des Ventoux und bereits sieben absolvierten Stunden im Sattel, hielt ich es für eine gute Idee mir ein Radrennen mit genannten Athleten zu liefern. Nach 20 Minuten bei deutlich über 300 Watt setzte dann aber doch der Verstand ein. Vielleicht war es aber auch nicht der Verstand, sondern die Schnappatmung, die einsetzte. Nur unwesentlich später fand ich mich völlig befreit von Trinkbaren und mit ersten Anzeichen eines Hitzschlags ca. 10km vom rettenden Restaurant wieder. Dies war eine signifikante Distanz, wenn man bedenkt, dass ich zu diesem Zeitpunkt ca. sechs Minuten pro Kilometer brauchte. Im Restaurant mit Müh und Not angekommen setzte ich mich zu Uwe und nahm neben Unmengen an Wasser und Cola auch einen Crêpe zu mir und versuchte meine Körpertemperatur wieder auf ein Normalmaß runterzuregulieren. Ich dachte bereits daran mit Uwe direkt nach Sault hinabzurollen und die Sache zu beenden. Wenig später beschloss mein Körper, ohne Zustimmung meines Geistes dann aber doch noch das letzte Stück hinauf zum Gipfel zu fahren. Anschließend fuhr ich nach Sault hinunter. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich etwas erholen können und beschloss zumindest noch den relativ leichten Aufstieg von Sault aus zu absolvieren. Tatsächlich konnte ich relativ entspannt wieder hinauf nach Chalet Reynard fahren. Obwohl ich mich besser fühlte, musste ich aber noch so benebelt gewesen sein, dass mein Verstand erneut aussetzte. Denn auf den letzten sechs Kilometern hinauf lieferte ich mir ein Duell mit einem in ein Belkin-Outfit gekleideten Juniorenfahrer. Krämpfe verhinderten dann aber leider meinen wohlverdienten Triumph und ich musste den Spargeltarzan einen Kilometer vor der, mit zunehmend starkem Wind umwehten Todeskuppe ziehen lassen. Der Ehrgeiz meinen jungen Duellpartner doch noch einzuholen, verleitete mich dann die Schussfahrt hinunter nach Malaucène zu nehmen. Meine Freude darüber den überraschten Jungspund mit signifikanten Geschwindigkeitsüberschuss zu überholen und wie an die Straße genagelt hinter mir zu lassen, wich schnell der entmutigenden Erkenntnis jetzt ja doch noch Mal hinauffahren zu müssen.

Das letzte Bild des Tages. Beim sechsten Mal war keiner
sonst mehr da, der das Foto hätte machen können. 
Mental genordet, also wieder am Boden und mit abermals gefährlich wenigen Trinkvorräten machte ich mich an die sechste Befahrung des Tages. Das Telefon war mittlerweile tot, die anderen Radfahrer und Fotografen waren verschwunden und die Sonne neigte sich hinter mir dem Horizont entgegen. Die Sonne hatte ich zwar im Rücken, aber dafür einen stetig zunehmenden Wind im Gesicht. Schlimmer als Bergauffahren ist nur Bergauffahren mit Gegenwind. Nach nur fünf Kilometern, der mit durchschnittlich 7,5% Steigung versehenen 21 Kilometer, die ich bis zum Gipfel noch hatte war jeder Rest mentaler Stärke verflogen; von der physischen Verfassung ganz zu schweigen. Die Uhr sagte mir, dass die 13. Stunde angebrochen war und ich schätzte, dass noch etwa zweieinhalb vor mir liegen würden. Ich zweifelte sehr an meiner Fähigkeit den Gipfel ein weiteres Mal erreichen zu können und murmelte nur „Weiterfahren, Weiterfahren, Weiterfahren“ im Rhythmus der stetig geringer werdenden Trittfrequenz. Weitere fünf Kilometer später, zehn Kilometer vom Ziel meiner Träume entfernt musste ich eine Pause einlegen. Ich war am Ende. Ich zwang meinen völlig entkräfteten Körper ein Stück von dem Rest Salamibaguette zu essen, welches ich den halben Tag bergauf und bergab spazieren gefahren hatte. Aber mein Körper schrie nur nach Wasser und Hinlegen. Nichts davon sollte er zeitnah bekommen. Der Wind verlangsamte mich nicht nur und raubte mir die letzten physischen Kräfte, er setzte mir vor allem nervlich zu mit seinem stetigen Geschrei. Ich hatte fertig. Flasche war leer. Wollte schieben, aber meine alte Rennfahrerehre hätte mich vorher eher sterben lassen. Aber all dies war nichts gegen die letzten drei Kilometer. Im Unterlenker mit dem Kinn auf dem Vorbau drückte ich gegen Orkanwind und 11% Steigung. 220 Watt verhalfen mir zu zeitlupenähnlichen 6-7 km/h. Mehr war aber einfach nicht drin nach 13,5 Stunden. Drei Kilometer hören sich so nah an, aber wenn man zehn Minuten für einen Kilometer braucht, entsteht eine deutliche Diskrepanz zwischen räumlicher und zeitlicher Distanz. Zum ersten Mal konnte ich körperlich nachfühlen warum sich Jemand 100 Meter vor dem Marathonziel auf den Randstein legt und sagt, "Ich hör hier jetzt auf". Nach weggeworfenen Coladosen am Straßenrand suchend, um eventuell noch einen Tropfen zu finden, tauchte auf einmal Tom Simpson neben mir auf und flüsterte mir ins Ohr: „Fahr einfach über die Klippe, ist schon ok“. Ich erwiderte nur: „Tom, sterben ok, aber nicht in Frankreich.“ Außerdem wollte ich keine Ratschläge von Jemanden annehmen, der mit Amphetaminen und sonstigen Hilfsmitteln vollgepumpt schon beim Erstversuch der Ventouxbefahrung verreckt war. Ich zählte also Meter und murmelte stetig mein Mantra. Irgendwie kam ich zum Gipfel. Freude kam aber nicht auf. Der Orkan wollte mir mein Rad wegreißen und der Turm auf dem Gipfel spendete nur sehr wenig Windschatten. Es war furchtbar laut und beängstigend einsam. Der Wind machte die Abfahrt zu einer verlängerten Auffahrt. Erst unterhalb der Baumgrenze stellte sich eine gewisse Entspannung ein – zumindest mental. Der Wind riss nicht mehr an meinem Lenker und auch sein Geschrei verstummte. Beim kurzen Blick mit halboffenen Augen zurück zum Gipfel, hinter dem die Sonne unterging erstreckte sich die schwarze Silhouette des Turms auf dem Gipfel wie ein gestreckter Mittelfinger. Bis zum bitteren Ende hatte mir dieser Berg zugesetzt. In Erwiderung erhob ich meinen Mittelfinger. Ich hatte ihn trotzdem besiegt und zwar sechs Mal. Nimm das, du Schippe Sand, dacht ich mir, bevor sich mein Fokus wieder meiner immens schlechten körperlichen Verfassung zuwandte. Körperlich wurde es nämlich trotz abnehmender Belastung nur noch schlimmer und ich konnte mich kaum noch auf dem Rad halten.


Offiziell die Nummer 91 im Club der komplett Bescheuerten.
Im Hotel angekommen befüllte ich meinen ausgemergelten Körper per Sturzbetankung mit ein paar Hektolitern Cola und Wasser. Anschließend schaffte ich es nur im Sitzen mich zu duschen. Der Plan war noch Essen zu gehen und unseren Erfolg zu feiern. Stattdessen fiel ich trotz massiver Coffeinaufnahme in einen Tiefschlaf, der zehn Stunden andauerte. Geweckt von einem nagenden Hunger verbrachte ich den Großteil des nächsten Morgens damit die ungewöhnlichsten Kombinationen von Essbarem vom Buffet zu klauben und unter Beobachtung der anderen, sichtlich verstörten Hotelgäste in Lichtgeschwindigkeit mit beiden Händen in mein Gesicht zu drücken. Wenig später, bereits im Auto sitzend fiel ich wieder in einen Tiefschlaf, was zu dem glücklichen Umstand führte, dass ich die halbe Heimfahrt verpasste. Erst gegen Nachmittag kam ich wieder einigermaßen zu mir.

Selbst zwei Wochen später merke ich noch die körperlichen Nachwehen. Auch im Geiste ist die Anstrengung noch omnipräsent. Normalerweise verfliegt das Gefühl der Anstrengung schnell nach einer großen Belastung und die Erinnerung lässt alles heroisch und stolzerfüllend erscheinen. Aber nicht so nach dieser Tortur. Ich werde jetzt noch eine ganze Weile frei machen und darauf warten, dass das sich das Gefühl von Stolz oder zumindest ein friedliches Vergessen einstellt. Mein Duschgel, dass nach Lavendel riecht habe ich aber vorerst weggeschmissen.

Details der Tour hier:

Mittwoch, 23. Juli 2014

Alvogen - Midnight Time Trial, Island (03.07.2014)

Nachdem ich mich über die Saison verteilt langsam über Dänemark nach Schweden vorgetastet hatte, habe ich mich nun noch weiter in das Land der Wikinger vorgewagt und bin nach Island geflogen. Dort nahm ich am Alvogen Midnight Time Trial, einem 32km-Zeitfahren in Reykjavik teil. Zustande kam dies durch Robert Wessman, den ich im Vorjahr im Trainingslager in Spanien begleitet hatte. Als passionierter Radsportler und als CEO von Alvogen, einem der größten Pharmakonzerne der Welt mit den entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet hat Robert den Midnight-Time Trail ins Leben gerufen, welcher nun schon im zweiten Jahr stattfand.  Angelegt war das Zeitfahren, zusammen mit einem Konzert als Benefizevent, bei dem Mittel für UNICEF gesammelt wurden. Robert fragte mich vor einigen Monaten, ob ich nicht Lust hätte teilzunehmen und ob ich nicht ein paar bekannte Renner kennen würde, mit denen man den Event entsprechend promoten könnte. Durch die zeitliche Nähe zur Tour de France war es aber unmöglich aktive bekannte Rennfahrer dazu zu bewegen an so einer Spiel- und Spaßveranstaltung teilzunehmen. Also rief ich meinen ehemaligen Rennfahrerkollegen, Stephan Schreck an um in Erfahrung zu bringen, ob denn nicht ein gewisser Jan Ullrich zur Verfügung stehen würde. Der Kontakt kam zustande und es stellte sich heraus, dass noch Platz im Kalender geschaffen werden könnte. Die Verhandlungen verliefen zwar schleppend, kamen aber dann doch noch zu einem Abschluss. Als endlich alles unter Dach und Fach war kam es zu jenem unsäglichen Zwischenfall, bei dem Herr Ullrich unter dem Einfluss von Alkohol erfolglos versuchte am öffentlichen Straßenverkehr in der Schweiz teilzunehmen. Den Anruf aus Island erwartend, wählte ich schon mal die Nummer vom Ullrich-Management. Damit war das Thema durch. Ich sprach noch kurzfristig mit Rennern, die nicht zur Tour fahren würden wie z.B. Paul Martens, Andreas Müller, Philipp Walsleben und Jasha Sütterlin, aber auch hier spielten die Rennkalender bzw. die jeweiligen Teams nicht mit. Glücklicherweise hatte aber Hanka Kupfernagel Zeit und Freigabe vom Team. Als ehemalige Zeitfahrweltmeisterin war es ja auch mehr oder weniger genau der richtige Event für sie.

Am 30.06. flog ich also nach Reykjavik. Der Flug ging erst sehr spät. Ich landete gegen Mitternacht, wobei der Nachthimmel auch der Himmel über Berlin im November hätte sein können. So fast hell, aber eher grau. Der Limofahrer, der sich als „Palli“ vorstellte wartete schon auf mich. Auf der ca. 45 minütigen Fahrt vom außerhalb liegenden Flughafen, Keflavik nach Reykjavik erzählte mir Palli alles über Island und seine eigene Lebensgeschichte. Als wir um 1 Uhr am Hotel ankamen und ich bemerkte Hunger zu haben empfahl Palli mir eine entsprechende, noch geöffnete Lokalität und bot mir auch gleich an Geld zu wechseln. Die Banken hatten um diese Zeit ja zu. Wirklich nett der Typ. Zu nett dachte ich mir und googelte misstrauisch in der Hosentasche auf meinen Smartphone den aktuellen Umrechnungskurs und versucht ein Bild der Währung im Netz zu finden. Nicht das ich irgendwelches Monopoly-Geld angedreht bekam. Aber Palli gab mir alles auf den Cent genau raus und mein letzter Verdacht verflog, als ich am naheliegenden Hot Dog Stand das vermeintliche Monopoly-Geld gegen einen sportgerechten Mitternachts-Snack eintauschen konnte. Ich lud Palli dann noch auf einen Hot Dog ein, und er erzählte fröhlich weiter aus seiner Zeit als Polizist im Norden Islands.

Am nächsten Tag war dann erst mal Ausschlafen und gemütlich Frühstücken angesagt. Dann meldete ich mich bei meinem Kontakt, um den weiteren Ablauf zu besprechen. Für den Tag stand aber nichts an. Also besorgte ich mir eine Rolle und fuhr mir in dem großräumigen Hotelzimmer erst mal eine Stunde die Beine locker. Das Wetter ließ nämlich keinen Sport unter freiem Himmel zu. Orkanartige Böen und heftiger Regen peitschten gegen das Fenster meines Hotelzimmers. Am Nachmittag ging es dann per Limo zum Busbahnhof und von da innerhalb einer Stunde zur Blauen Lagune. Der Ausblick während der Anfahrt war durchaus gespenstisch. Bis hin zum kaum erkennbaren Horizont erstreckten sich dunkle Felder scharfkantiger, getrockneter Lava. Hier und da schossen weiße Rauchwolken in die Höhe und gingen übergangslos in den grauen Himmel über. Ich hielt gespannt Ausschau in Erwartung Frodo und Gollum hinter irgendeinem Felsenvorsprung sich um einen Ring streiten zu sehen. Ich zweifelte immer mehr meine Intension an mich nur in einer Badehose bekleidet hier ins Freie zu begeben. Zu meiner Überraschung offenbarte sich um den nächsten feuerspuckenden Monstergeysir jedoch nicht Saurons Dämonenarmee, sondern eine karibikblauen Seenlandschaft, die sich in starkem Kontrast kaum in die restliche, durchaus lebensfeindliche Umgebung einpasste. Aus Ermangelung an landschaftlichen Bewuchses konnte man aus dem Bus kaum den noch herrschenden Orkanwind erkennen. Dieser offenbarte sich dann aber beim Ausstieg, als einem das Gesicht verzogen wurde als führe man ohne Helm mit 200km/h auf einem Motorrad. Mit einem kurzen Sprint rettete ich mich in die naheliegende bunkerähnliche Schwimmhalle, an die sich die Außenanlage der Blauen Lagune anschloss. 

Drinnen war es durchaus behaglich. Durch die Umkleiden und die mit Naturstein ausgelegten Duschen ging es ins Freie hinaus in den Badebereich. Bloß schnell rein ins Wasser, dachte ich mir. Draußen 5 Grad und peitschender Regen, drinnen dann aber 40° und Wohlfühlen. Schnell lokalisierte ich die Poolbar und die Stelle, an der das heiße Wasser aus dem Erdinneren kam. Als es dann etwas zu warm wurde, lief ich die Poolanlage ab. Wobei das mehr ein Robben auf den Knien war, da die Wasserhöhe nämlich nur bis etwa zum Bauchnabel reichte. Die Kombination aus Bar und sehr warmen Wasser verriet mir jedoch, dass dies kein Konstruktionsfehler war. Auf meiner Runde entdeckte ich ein Dampfbad, einen 40°-warmen Wasserfall und eine Stelle, an der sich ortskundige asiatische Touristen irgendeinen Schlamm ins Gesicht schmierten. Nachdem ich alles ausprobiert hatte und ein paar weiteren Stunden in illustrer Runde verbracht hatte ging es zurück ins Hotel. 

Im Hintergrund gut zu erkennen: Sauron kocht sich ein paar Orks zum Mittagessen.

Am nächsten Tag beim Frühstück konnte ich dann Hanka begrüßen, die einen Tag später angereist war. Anschließend verbrachten wir dann den halben Tag mit dem Geben von Fernseh- und Zeitungsinterviews sowie Fotoshootings in der nahe gelegenen Harpa Music Hall. Warum nun gerade ich zum Interviewpartner auserkoren wurde musste wohl an dem latenten Mangel von richtigen Rennern gelegen haben. Durchaus ungewohnt für mich, wusste ich teilweise auch gar nicht so recht, wie ich auf entsprechende Fragen antworten sollte. Aber die Isländer sind locker und auch weniger ernst gemeinte Antworten auf durchaus ernst gemeinte Fragen kamen gut an. Wie ich mich speziell auf dieses Event vorbereitet hätte, war eine oft gestellte Frage, die ich beim ersten Mal mit einer sportwissenschaftlich fundierten Erklärung beantwortete. 





Harpa Music Hall, Reykjavik.
Als die nächsten Interviewteams wiederholt fragten „Wie haben Sie sich auf dieses Zeitfahren vorbereitet, Herr Ritzel?“ ging ich zu Antworten über wie z.B.: „Ich habe meinen Bierkonsum hektoliterweise nach dem sportwissenschaftlichen Prinzip der progressiven Trainingsbelastung  auf Wikingerniveau angehoben.“ oder auch: „Durch Bartwuchs habe ich mich auf die Witterungsbedingungen eingestellt und  optisch der hiesigen Bevölkerung angepasst“. Durch verständnisvolles Nicken signalisierte der Isländische Interviewer vollstes Verständnis für diese Maßnahmen und bemerkte nur kurz, dass er dann wohl auch ein guter Radfahrer sein könnte. Daraufhin erwiderte ich, dass ich noch nicht wüsste ob diese Trainingstechniken auch funktionieren würden, da ich diese gerade in einem Selbstversuch evaluieren würde. Abschließend versprach ich ihn aber über deren mögliche Wirksamkeit später in Kenntnis zu setzten. Nach dem Medienmarathon und einer weiteren Stunde auf der Rolle im Hotelzimmer folgte noch ein Abendessen mit Hanka und Anhang bevor ich durch das Zuziehen der Doppelrollos künstlich die Nacht einleitete.

Der Renntag selbst ging los, indem ich mich von der immer noch sehr professionellen und viel zu motivierten Hanka zu einem morgendlichen Radtraining überreden ließ. „Das Rennen sei ja erst sehr spät, praktisch erst am nächsten Tag.“ Naja, es musste wohl sein. Den Rest des Tages verdödelte ich dann irgendwie und begab mich gegen 19Uhr zum Warm Up. Das Mitternachtszeitfahren sollte nämlich schon um 21 Uhr starten. Die Strecke war ein fünf Kilometer langer Hin-&-Zurück-Kurs, auf dem sechs Runden absolviert werden mussten. 120 Teilnehmer starteten in verschiedenen Alters- und Radkategorien, also mit oder ohne Zeitfahrequipment und sortiert nach Männchen und Weibchen. Start und Ziel war an der Harpa Music Hall, in der auch das anschließende Benefizkonzert stattfinden sollte. Das Wetter hatte sich zum Glück beruhigt und der Orkan war einem mittelmäßig starken Wind ohne Regen gewichen. Gegen 21:30 rollte ich als letzter Starter von der Rampe. 



Ich fuhr stur meine Zielleistung und hoffte mich damit nicht ganz so doll zu blamieren. Zeitfahren war noch nie mein Ding gewesen. Ungewöhnlich und für mich nicht unbedingt vorteilhaft war, dass alle Starter mit Transpondern ausgestattet waren und die Zuschauer per Live-App die Zeitabstände und aktuellen Platzierungen verfolgen konnten. Nach zwei oder drei Runden musste der Abstand zu den Besten dann soweit angewachsen sein, dass die Anfeuerungen merklich nachließen. So nach dem Motto „Da lohnt sich das Anfeuern nicht mehr“. Ich gab nochmal alles und dachte, wenn ich schon auf der Geraden Zeit verliere, dann hol ich diese einfach in der Kurve auf. Die folgende Start- und Zielkurve fuhr ich dementsprechend „motiviert“ an – also zu schnell. Ich schlitterte mit dem Hinterrad um die 180°-Wende, was zwar nicht meiner Zeit half, aber zumindest die Begeisterung der Zuschauer bezüglich meiner Präsenz wieder anheizte.






Als Letzter gestartet, kam ich dann auch als Letzter ins Ziel. Bei der unmittelbar angeschlossenen Siegerehrung wurde ich zu meinem Erstaunen dann aber auf’s Podest gebeten. Zuerst nahm ich an, dass ich entweder öffentlich blamiert werden sollte und übersetzte in meinem Kopf schon den isländischen Aufruf des Kommentators mit „…und hier, meine Damen und Herren die Loris aus Deutschland“. Als aber keiner hämisch lachte und mit dem Finger auf mich zeigte, nahm ich an, dass das irgend so eine Mitleidstour war. Aber nichts von beiden. In allen Kategorien wurden immer die ersten vier geehrt und ich hatte es tatsächlich noch auf den vierten Platz geschafft. Als die Preise dann übergeben wurden wusste ich warum die Wikinger wie um ihr Leben gefahren waren. Die Platzierungen vor mir wurden mit iPhones der neusten Generation und irgendwelchen Flugreisen geehrt. Ein ordentlicher Standard für ein Jedermannzeitfahren in Mittelerde. Ich habe immerhin einen in Leder gebundenen Island-Bildband bekommen. Außerdem war der ganze Trip für mich ja schon Geschenk genug. Hanka hatte standesgemäß bei den Damen gewonnen.


Nach einer Dusche folgte dann direkt im Anschluss der Besuch des Benefizkonzertes. Ein paar Tausend Leute nickten ausgelassen zu der Isländischen Version von Boy George, der performte, als würde er tatsächlich live singen und als würde kein Playback im Hintergrund laufen. Dann kam die Isländische Version von den Hives, die wirklich live spielten und auch wirklich gut waren. 17 Bier später brauchte ich auch kein Rollo mehr um im Hotel einzuschlafen. Am nächsten Tag wartete dann Palli vor dem Hotel, um mich zum Brunch in den Alvogen-Hauptsitz, dem wohl einzigen Hochhaus in Island zu fahren.  Im Anschluss ging es dann zum Flughafen. Insgesamt muss ich sagen, hat mich Island tief beeindruckt. Die Leute arbeiten äußerst effizient, sind super nett und gleichzeitig sehr gelassen. Und wenn man sich überlegt, dass es gerade mal drei Flugstunden weit weg ist, kann man da auch ab und an mal ein verlängertes Wochenende zubringen. Ich komme jedenfalls definitiv wieder. 

Mittwoch, 2. Juli 2014

V-R Cup in BaWü & DM Baunatal

V&R Cup (18.-22.06.2014)

Kurbel Konrad greift daneben. (Rebecca Sadowsky Photography)
Zwei Tage nach der Rückkehr aus Schweden ging es direkt weiter und zwar nach Baden Württemberg zum V-R Cup, einem fünftägigen Etappenrennen. Der Clou: bei dieser Veranstaltung sind die Wanzen unter sich und werden nicht von anstrengend schnell fahrende A-Fahrern und KT-Profis gestört. Zugelassen wurden nur Teams mit 3-4 Fahrer der Kategorie B und C einer Renngemeinschaft. Zusammen mit Kurbel Konrad und Turbo Tjorden ging es dann direkt am Anreisetag nach einer neunstündigen Autofahrt auf die erste Etappe. Die Beine waren noch etwas schwer, verrichteten dann aber doch erstaunlich gut ihre Arbeit auf dem 55-mal zu befahrenden 1,2km-Kurs. Am Ende reichte es im Massenspurt des Feldes für einen siebten Platz. Dies war die dritte Platzierung der laufenden Saison und somit fehlten mir noch zwei Platzierungen zum A-Fahrer. Und genau das war auch das anvisierte Ziel für die Veranstaltung: die fehlenden Platzierungen einfahren, um wieder in die höchste Amateurklasse aufzusteigen.

(Rebecca Sadowsky Photography)
Untergekommen sind wir in einem Ferienhaus zusammen mit dem Bike Market Team aus Rostock und zwei weiteren Rennern anderer Teams. Wir verteilten uns und unseren herb-männlichen Rennfahrer-Duft gleichmäßig auf alle zur Verfügung stehenden Zimmer und markierten das gesamte Haus unwiderruflich als unser Revier. Essen wurde lasterweise herangefahren und das Klopapier ging bereits am zweiten Tag zur Neige. An dieser Stelle sei bemerkt, dass Jemand, der gepflegt und mit kulturellem Anspruch verreisen möchte dies nicht mit Radsportlern tun sollte. Denn hier sieht man sich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ausschließlich mit äußerst trivialen Lebensinhalten konfrontiert: Essen, Schwitzen und Internet. 

(Rebecca Sadowsky Photography)
In dieser durchaus illustren Konstellation, die sich teamübergreifend verstand gingen die Tage dann ziemlich schnell dahin. Jeder Renntag bot zwischen 60km und 70km Radrennen auf Rundstrecken, die zwischen drei und fünf Kilometer lang waren. Die Profile gestalteten sich von flach bis kupiert. Für mich reichte es am Ende dann insgesamt für fünf Platzierungen, den vierten Platz in der Gesamtwertung und den fünften Platz in der Sprintgesamtwertung. Die Jungs vom Bike Market Team sicherten sich die Teamgesamtwertung und, der von mir gecoachte Tobias Tetzlaff konnte zwei Etappen und die Gesamtwertung gewinnen. Damit waren wir nicht nur die erfolgreichste Wohngemeinschaft dieser Rundfahrt, sondern ich hatte auch mein Saisonziel erreicht und war wieder A-Fahrer. Nicht, dass das für irgendwas nützt.


DM Baunatal (29.06.2014)

Im letzten Jahr konnte ich den Landesmeistertitel auf der Straße gewinnen und mich so für die Teilnahme an der Deutschen Straßenmeisterschaft der Elite, auch Profi-DM genannt qualifizieren. Da ich aber keinesfalls meinen Teampartner Andy Attacke bei der zeitgleich stattfindenden TransAlp hängen lassen wollte ließ ich die DM 2013 ausfallen.

Als dieses Jahr klar wurde, dass die LVM (Landesverbandsmeisterschaft) erst nach der DM stattfinden würde, da der Berliner Radsportverband nicht, wie nahezu jeder andere Landesverband in der Lage war eine LVM vor der DM auszurichten, ergab sich augenscheinlich die Möglichkeit als weiterhin amtierender Landesmeister an der diesjährigen DM teilzunehmen. Also rief ich den Veranstalter an, der mich instruierte mich ordentlich über rad-net zu melden und die vorläufige sowie finale Startliste des BDR (Bund Deutscher Radfahrer) zu beachten. Denn Anmelden kann sich grundsätzlich erst einmal Jeder für die DM. Der BDR prüft dann die Meldungen und setzt den Fahrer auf die vorläufige Startliste oder auf die „nicht zugelassen“-Liste. Gegen diese vorläufige Startliste kann dann noch Einspruch eingelegt werden. Wenige Tage vor dem Rennen wird dann die verbindliche und finale Startliste veröffentlicht, die laut Ausschreibung vor Ort auch nicht mehr anfechtbar ist. Ich stand auf beiden Listen als zugelassen und machte mich auch dementsprechend auf nach Baunatal.

Die Nummer war schon dran.
Am Samstag, dem Tag vor dem Rennen holte ich meine Startnummer und Transponder ab. Wenige Stunden später, am Tag des Rennens selbst erklärte mir dann beim Einschreiben, 30min vor dem Start ein BDR-Funktionär, dass ich nun doch nicht starten dürfte, da ausschließlich „amtierende Landesmeister 2014“ zugelassen seien. Ich überlegte laut: „Amtierender Landesmeister? Ja, bin ich. 2014? Ja, haben wir. Macht also amtierender Landesmeister 2014. Passt“. Dieser komplizierten Gedankenfolge konnte, bzw. wollte der nette Funktionär aber nicht folgen und verwies mich an den UCI-Kommissär vor Ort. Als er diesen mit „Andreas, ANDREAS, komm doch mal“ herbei rief war mir klar, dass ich mir den Atem für die weitere Unterhaltung eigentlich sparen konnte. Ich überlegte mir noch kurz Velothon-Style einfach „schwarz“ mitzufahren. Die offizielle Wertung war sowieso nicht so wichtig für mich, da eine nennenswerte Platzierung nicht wirklich ein realistisches Ziel für mich war. Ich wägte dann aber ab. Soviel Ärger war mir dieses Rennen keineswegs wert.

Danke an Pasculli und die Jungs von Bikeline für den super Tech-Support!
Denn grundsätzlich hatte ich kein großes Problem damit die Profi-DM nicht zu fahren. Immerhin bin ich Hobbyfahrer, der zum Spiel und Spaß unterwegs ist. Die primäre Motivation für mich bestand darin Sponsoren und Partnern wie z.B. Pasculli eine coole Story und ein paar coole Bilder zu bescheren. Davon abgesehen bin ich vor einigen Jahren schon mal die Profi-DM gefahren. Dieses Event fehlt mir also nicht in meinem Erfahrungsschatz. Die aktuelle 2014er Austragung wäre somit keinesfalls ein wichtiger Meilenstein in meiner mittlerweile wenig ambitionierten sportlichen Laufbahn gewesen.

Was jedoch inakzeptabel ist, ist die Tatsache, dass man sich nicht auf die finale Startliste des BDR, die laut Ausschreibung vor Ort auch nicht mehr veränderbar ist verlassen kann. Am Vortag auch noch Nummern und Transponder ausgehändigt zu bekommen und am Renntag 30min vor dem Start beim Einschreiben informiert zu werden, man dürfe nun doch nicht starten entbehrt jeglicher Professionalität und Sportlichkeit. Eine kurze Info oder das Verschieben auf die „nicht zugelassen“-Liste einige Tage vorher hätte völlig gereicht. Dann hätte ich einen Termin mit einer Margaritha-Bar für das Wochenende gemacht und mir Anreise und Aufwand gespart. Wie der anwesende UCI-Kommissär, Dr. Donike richtig bemerkte „hat da wohl Jemand beim BDR gepennt“. Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit, denn er fügte hinzu, dass „der Berliner Radsportverband einen Startplatz bei der DM verschenkte“, weil er nicht in der Lage war, die Verbandsmeisterschaft rechtzeitig zu veranstalten. Und das ist vor allem gegenüber allen jungen und ambitionierten Rennern in Berlin unfair, die sich für die DM auf diesem Weg qualifizieren wollen. 

Nun gilt es zu eruieren wie denn nun eigentlich die korrekte Regelauslegung aussieht, bzw. bei wem die Versäumnisse genau eingetreten sind, um solche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden. Bei der Verbandsarbeit in Berlin kann es ja gut sein, dass 2015 immer noch keine LVM in Berlin stattgefunden hat. Ich wäre sowieso dafür diese gleich komplett abzuschaffen, so wie die Weltmeisterschaft für die Steher. Dann wäre ich sowas wie der Carsten Podlesch des (ganz) kleinen Mannes. Carsten Podlesch gewann nämlich 1994 die letzte Steher-WM und ist damit immer noch amtierender Steher-Weltmeister. Mit Abschaffung der LVM hätte auch der Verband weniger Stress und keiner meckert mehr rum. Win win, baby.


Am Ende konnte ich dem Ausflug nach Baunatal dann aber doch einiges Positives abgewinnen. Schön war vor allem die tolle Zeit mit meiner, mich begleitenden Support-Crew. Auch habe ich einige alte Rennfahrerkollegen und Freunde wiedergesehen. Beim Einschreiben am Vortag traf ich z.B.  Christoph Pfingsten und sagte noch Voigte und dem Gorilla hallo. Am Renntag sah ich beim Vorbeirollen Marcel vor dem Giant-Shimano Bus und bat ihn Simoni mal rauszuholen, mit dem ich noch kurz über den Kurs sprach, den ich nicht befahren würde. Wie bei einem Klassentreffen sah ich dann noch weitere ehemalige Teamkollegen wie z.B. Knees, Sieberg, Walsleben, Bommel, und Paul Martens, der mir netterweise noch ein signiertes Trikot für die Wandsammlung in der Firma mitgab. Während ich dann im Auto vom Parkplatz rollte fand gerade die erste Rundendurchfahrt statt. Als ich die erste 20-Mann-Gruppe von Sturzopfern und Abgehängten sah, die das Rennen bereits nach der ersten von den zwölf 17km-Runden in diesem Regenrennen bei belgischen Temperaturen aufgab, machte ich mir einen Schokoriegel auf und begab mich mit einer gewissen Gelassenheit auf den Rückweg. Zeit für’s Grübeln war eh nicht, da es am nächsten Tag direkt nach Island weiter ging.

Samstag, 21. Juni 2014

Vätternseerunde, Schweden (14./15.06.2014)

Dänemark voraus.
Von Rostock ging die Fähre.
Nach der rasanten Rückfahrt mit Andy Attacke von Dänemark und einem Brückentag, der mit 16h Arbeit gefüllt war ging es sehr früh am Mittwoch, den 11.06.2014 wieder Richtung Nordeuropa. Nur diesmal ging es ein Stück weiter, nämlich nach Schweden zum 300km-Jedermannrennen um den Vätternsee. Ich hatte schon öfters von dem Event gehört, da jedes Jahr Mitglieder meines Heimatvereins, Velox Berlin dort am Start stehen. Als mein Freund Jan mir erzählte er würde dort auch fahren und sich die Möglichkeit ergab bei ihm mitzukommen besiegte die Neugier meinen generellen Unwillen mich für 300km am Stück auf das Rad zu setzten, nur um einen See zu umrunden. Außerdem war ich vorher noch nie in Schweden gewesen. 

Innerhalb von guten 10 Stunden schafften wir mit Auto und Fähre die Anreise. Die Unterkunft befand sich in einem alten, zu einem Hotel umgebauten Kloster aus grauer Vorzeit, welches direkt am Ufer des Vätternsees, etwa 15 südlich vom Start- und Zielort Motala lag. Der Bau mit angeschlossener Kirche war massiv und vermittelte in Verbindung mit toten Tieren an der Wand und überall vorfindbaren religiösen Relikten sogleich ein Gefühl des Wohlbefindens. Wobei ich zugeben muss, dass es nach einer Eingewöhnungszeit und Opfergaben an die Hausgeister durchaus behaglich wurde. Am Anreisetag selbst war dann nur noch Abendbrot und Bett angesagt. 


Die erst weniger, dann mehr behagliche Unterkunft.

Am Tag darauf wollten wir eigentlich nur nach Motala und zurück rollen um die Startunterlagen zu holen und die Beine zu lockern. Wir machten uns relativ früh auf, denn Ausschlafen war eh nicht möglich. Frühstück gab es nämlich nur von 6 – 9 Uhr?! Ich konnte mir das nur damit erklären, dass die Sonne bereits um 3:30 Uhr aufging und der Zeitraum ab 6 Uhr nach Schwedischer Definition somit wohl den Langschläfern zugeordnet wird. Für mich war dies jedoch etwas gewöhnungsbedürftig. Wach waren wir jedenfalls und wir machten uns auf. In der Altstadt von Motala fanden wir dann den Start- und Zielbereich, der im Großen und Ganzen nur aus einem riesigen Verkaufszelt bestand, in dem die Eventteilnehmer wie wild Schläuche, Klamotten, Riegel, Lampen etc. kauften. Beim Abholen der Startunterlagen bemerkte ich, dass an jenem Tag noch ein Rundstreckenrennen stattfinden sollte. Da ich mich bereits darauf festgelegt hatte Jan mit einer relativ gemäßigten Zielzeit von 10-11h um den Vätternsee zu pilotieren, anstatt mich mit den Sub7-Gruppen zu messen, dachte ich mir, dass jede zusätzliche Trainingsbelastung doch nicht schaden könnte. Also zückte ich meine Lizenz, ließ mir von meinem Teamkollegen Marco noch die internationale Starterlaubnis zuschicken und legte 300 Kronen Startgeld auf den Tisch. Ich dachte mir, wie schlimm kann ein „Profi“-Rundstreckenrennen in der Schwedischen Provinz schon werden. Schlimm, wie ich feststellen musste. Der Kurs war nicht nur mit Kopfsteinpflaster, engen Gassen und scharfen Kurven gespickt, nein, als sich dann Giant-Shimano am Start neben mir aufstellte wusste ich, es würde auf’s Fressbrett geben. Ab dem ersten Meter gab es Mord und Totschlag. Darauf war ich nicht vorbereitet. Als ich dann den Zielberg zum zweiten Mal mit 700W raufprügelte nur um das Hinterrad meines weit zurückliegenden Vordermanns zu halten und nach 5min einen Schnitt von 520W auf der Uhr hatte machten sich bei mir eine gewisse Unlust breit. Die nicht weit zurückliegenden drei Tage in Dänemark, die 10h Anreise und der latente Mangel an mentaler Präparation halfen auch nicht direkt. Ich merkte dass nicht viel mehr ging an diesem Tag und rief laut „Grupetto“, in der Hoffnung eine Gruppe von ebenso Leidenden zu finden, die in einer für weniger ausgeruhte Zweiradathleten adäquaten Art und Weise zu Ende fahren würden. Aber anstatt weiterzufahren scherten angesprochene Fahrer gruppenweise links und rechts aus. Also fuhr ich mit gerade mal zwei weiteren Mitstreitern hinter dem auf 25 Mann geschrumpften, sich mit Lichtgeschwindigkeit vorwärtsbewegenden Hauptfeld hinterher. Dementsprechend war ich nicht wirklich böse als nach 35 von 50 angesetzten Minuten der Rennkommissär bei einer der vielen  Rundendurchfahrten mir das internationale Zeichen für: „Du darfst jetzt Essen und Bier trinken gehen“ gab. Jan hatte schon bestellt und ich begab mich direkt vom Rennen in das an der Rennstrecke liegende Restaurant. Als ich mein erstes Bier trank, bekam ich wilden Zuspruch von den meist älteren und teilweise zahnlosen Schweden an den Nachbartischen für dieses rigoros lebemännische Verhalten. Geschlafen habe ich gut danach.


Die Ruhe vor dem Sturm. Der Tag des Rennens mit Start um Mitternacht.
Der Tag des Rennstarts begann eher ruhig. Ich hantierte mit meinem Laptop rum, saß am See und guckte mir das Grabmal von irgendeinem toten Schwedischen König an. Der Tag ging relativ schnell rum. Nach dem Abendbrot gegen 19 Uhr, welches wir mit Freunden von Jan verbrachten war so eine Art später Mittagsschlaf angesetzt. Mit dem war mein Körper aber gar nicht einverstanden. Ich guckte also fern und fing langsam an mein Zeug fertigzumachen. Diese ausgelassene Ruhephase sollte sich später rächen. Um 22:30 Uhr packten wir dann die Räder in die Autos und machten uns auf den Weg zum Start in Motala. Durch mangelnde Ortskenntnis des Führungsfahrzeugs kamen wir spät an und verpassten unseren auf 23:46 Uhr angesetzten Start. Das war aber halb so wild, da alle zwei Minuten Gruppen von 50 Mann starteten und die Zeitnahme eh erst bei Überquerung der Startlinie per Transponder ausgelöst wurde. Mit vier Minuten Verspätung gingen wir auf die Piste. Unsere Startgruppe ließen wir relativ schnell hinter uns und reihten uns ein in den Endlosstrom von roten Rücklichtern, die sich vor uns bis in den bereits nächtlichen Horizont hinein erstreckten. Jedoch nur 30 Minuten nach dem Start verdichtete sich die Glühwürmchenreihe vor uns zu einem immer näher rückenden Meer der leuchtenden Warnfarbe. Dann war Stau und es ging nur noch im Schritttempo weiter. Der erste Teilnehmer lag unter dem LKW, war aber anscheinend noch mit dem Leben davongekommen und wurde bereits ärztlich versorgt. Nach der kurzen Schiebepassage nahmen wir dann wieder Fahrt auf. Mit Rückenwind und tendenziell negativem Gefälle bewegten wir uns mit einem 35er Schnitt in den ersten zwei Stunden vorwärts. 

Auf was ich mich eigentlich eingelassen hatte wurde mir zum ersten Mal klar, als ich nach 2 Stunden das Schild mit „noch 230km“ am Straßenrand bemerkte. Egal, da hatte ich noch Lust. Die ersten Verpflegungspunkte ließen wir aus. Beim dritten hielt ich dann an, füllte Jans Flaschen und aß eine Boulette mit Kartoffelbrei, ne Gurke und trank so einen warmen Himbeersaft auf den die Schweden so schwören. Dann schloss ich wieder mit Jan auf, den ich weiterfahren gelassen hatte. Gegen 3:00 Uhr schwächelte dann nicht nur meine Lampe. Mein Körper wollte jetzt den verpassten Mittagsschlaf nachholen. Dass Jan mir erzählte, die CIA, das FBI und Co mache ihre s.g. Raids immer um diese Zeit, da dann der menschliche Biorhythmus sozusagen am tiefsten Punkt sei, half auch nicht direkt. Gegen 3:30 ging dann aber zum Glück die Sonne auf, was einige Lebensgeister, dank angekurbelter Hormonproduktion zurückbrachte. Zusätzlich genehmigten wir uns bei der 100km-Marke einen Kaffee. Ab da ging es wieder einigermaßen und dass obwohl wir ab der südlichen Spitze des Sees gen Norden in den Gegenwind eindrehen, um an der anderen Seite entlang mit tendenziell positiven Gefälle wieder Richtung Motala zu fahren.

Hier und da versuchte ich Jan, der ab 150 zurückgelegten Kilometer Anzeichen einer schweren Form von Keinelustitis zeigte, mit motivierenden Worten wie: „Fahr, du faule Sau“ und aufweckenden Backpfeifen dazu zu motivieren bei den an uns vorbeifahrenden Gruppen wenigstens für einige Kilometer mitzufahren, um zumindest etwas Windschatten zu schlauchen. Aber nicht nur der Körper schwächelte, auch der Geist. Es wurde immer schwerer sich zu konzentrieren und dicht am Vordermann zu bleiben. Aber nicht nur uns ging es so. In einer leichten Abfahrt, als wir am Ende einer Gruppe fuhren, hing sich eine junge Frau am Hinterrad ihres Vordermannes auf und legte sich bei voller Fahrt auf die Straße. Der Nebenmann legte sich mit drauf, Jan touchierte mit seiner Pedale noch den Helm der jungen Frau und ich konnte gerade noch ausweichen. Jan hielt sogleich an und ich kurz danach. Als Lizenzrenner hält man beim Sturz Anderer generell nicht an, da das Teamauto sich schon kümmert. Aber dies war kein Lizenzrennen und als ich realisierte, dass ich ohne Jan erst mal weitergefahren wär überkam mich ein richtiges Schamgefühl. Nach dem ersten Schock wär ich sicher umgekehrt, aber es ist schon interessant, wie das so mit den Gewohnheiten ist. Jedenfalls hielten wir an, um das Alu-, Carbon- und Menschenknäul zu entflechten und von der Straße zu räumen um einen weiteren Auffahrunfall zu verhindern. Der Mitgestürzte konnte relativ schnell weiterfahren und auch Jan schickte ich relativ schnell wieder auf die Strecke. Die junge Frau war jedoch fix und alle – glücklicherweise aber weitestgehend unverletzt. Außer ein paar Abschürfungen und Prellungen hatte vor allem das Rad gelitten. Ich richtete beide Bremsen, die Bremshebel und reparierte den Plattfuß am Vorderrad. Außer einer ordentlichen, aber nicht schleifenden Acht im Vorderrad bekam ich alles repariert und das Rad wieder fahrbereit. Davon abgesehen schienen die zehn Minuten guten Zuredens und ein paar konkrete Handlungsanweisungen zu helfen, sodass My, so hieß die zuvor noch sehr bleiche Schwedin, mit einer wieder fast normalen Gesichtsfarbe die Fahrt erneut aufnehmen konnte. Nach ein paar Kilometer könnte ich Jan wieder einholen und wir fanden relativ schnell wieder unseren Rhythmus.


Ab der 200km-Marke machte es schlichtweg keinen Spaß mehr. Muskulär ging es und Hunger und Durst spielten auch keine Rolle. Aber mental war es zäh. Vor allem war ich müde. Ich fühlte mich ähnlich, wie als ich vor einigen Jahren versuchte mit dem Auto in einem Rutsch von Monterey, CA nach Grand Junction, CO zu fahren. Irgendwann kann man die Augen nicht mehr offen halten, egal wie groß der sportliche Ehrgeiz ist. Bei Kilometer 250 erreichten wir dann die nördliche Spitze des Sees und drehten für die verbleibenden 50km Richtung Süden auf Motala zu. Ab da hatten wir zumindest wieder Rückenwind. Aber die Müdigkeit nahm trotzdem nicht ab.  Ganz im Gegenteil. Ich war drauf und dran mich kurz in den Straßengraben zu legen. 23km vor Schluss kam dann der letzte Verpflegungsposten, bei dem ich den rettenden Kaffee bekam. Der zündete wie Antibiotika bei Blasenentzündung und mit dem Ziel vor Augen lief es regelrecht gut ab dem Punkt. Auch Jan konnte nochmal zulegen und wir flogen über die letzten fünf Kilometer mit einem 40er Schnitt. Im Ziel gab es dann Fertignudeln und ekliges alkohlfreies Bier, welches wir bei Sonnenschein und Volksfeststimmung, verschiedenen schwedischen Schulbands lauschend und auf dem Rasen liegend zu uns nahmen. Im Ziel erfuhr ich dann, dass auch My es ebenfalls ins Ziel geschafft hatte – und zwar mit 30 Minuten weniger Fahrtzeit als wir gebraucht hatten. Eine hammerharte Schwedin halt. Jan war glücklich, da er seine Vorjahreszeit um ca. zwei Stunden verbessert hatte und ich war einfach nur froh, dass es vorbei war. Zeit war mir eh egal. Danach ging es dann ins Hotel. Nach einer Dusche und drei Stunden Mittagsschlaf gab es dann mit dem Rest der Gruppe endlich Bier mit Alkohol und ein gemeinsames Abendessen, bei dem alle heroischen Taten und spannenden sowie amüsanten Erlebnisse ausgetauscht wurden.

Am darauffolgenden Tag ging es dann per Auto noch ein Stückchen weiter Richtung Norden nach Stockholm, von wo ich zurückfliegen sollte. Am Flughafen angekommen packte ich mein Rad in die Radtasche und begab mich mit 90 Minuten Zeitpuffer und großer Gelassenheit in den Terminal. Bei den Schweden geht es generell relativ ruhig zu. Für meinen Geschmack aber etwas zu ruhig, was dazu führte, dass meine Gelassenheit erst einem Gefühl der Ungeduld und später regelrechter Nervosität wich. Es fing damit an, dass am Airlineschalter der Air Berlin nur eine Person arbeitete, die auch noch zuständig für alle Abflüge war. Es dauerte ca. 45min bis ich eingecheckt war und meinen Boardingpass in der Hand hielt. Zwar etwas weniger gelassen, aber noch relativ ruhig ging ich dann zum Security Check. 10min von meiner Boardingzeit entfernt entdeckte ich dann, dass es dort ganze zwei Schalter gab - für alle Abliegenden aller Airlines. Die Menschenschlange reichte bereits aus dem Terminal heraus. Als ich dann zur Priority-Line ging verschwand meine Restgelassenheit als mir der Mitarbeiter sagte er könne mich erst durchlassen, wenn meine Boardingzeit überschritten sei, was mir recht sinnfrei erschien. Also stellte ich mich für 10min ans Ende der Schlange, um dann wieder bei ihm aufzuschlagen. Nach einigem Gezeter ließ er mich dann passieren. Als ich dann endlich zum Security Check vordrang, merkte ich warum es so langsam voran ging (abgesehen davon, dass es nur zwei Schalter gab). Exemplarisch war die folgende Begegnung: das deutschsprechenden und heftig schwitzende Moppelchen mit aschenbecherdicken Brillengläsern vor mir in der Reihe hatte zwei Computer dabei - dem Erscheinungsbild nach wahrscheinlich einen für World of Warcraft und einen für Youporn. Als dann die Schwedische Sicherheitsmitarbeiterin in Zeitlupe den zweite Laptop auspackte kommentierte sie dies mit "Oh dear, you work too much". Aha, dachte ich mir, deswegen rennt der Laden hier so. Die Sicherheitsmitarbeiterin wusste eben zu verhindern, wie man zu viel arbeitet – oder zumindest effektiv.
Nachdem ich durch war, blieb noch eine Minute um meine Restkronen in Skandinavische Schokolade aus Dänemark, Finnland, und Schweden anzulegen und das stille Örtchen zu besuchen. Dort wurde mir noch eine Sache klar, die ich vorher schon wahrgenommen aber nicht weiter beachtet hatte. In Schweden gibt es keine Pissoirs. Aber dafür gibt es zusätzlich zu den Waschbecken noch jeweils ein Waschbecken in jeder Klokabine. Also steht man da und wartet nicht nur bis der Vorgänger sein dreckiges Geschäft beendet hat, sondern auch noch bis er fertig ist mit Händewaschen. Naja, das war wenigstens kongruent mit der Effektivität des Sicherheitspersonals. Die 90 Minuten Flug nach Berlin waren dann deutlich angenehmer als die zehnstündige Anreise im Auto. So konnte ich noch einen entspannten Restsonntag verbringen, den ich auch dringend brauchte, denn zwei Tage später wartete schon die nächste sportliche Herausforderung. Ich werde berichten.

Freitag, 13. Juni 2014

Rennserie in Dänemark (07. – 09.06.2014)

Nach den Ungarischen Meisterschaften ließ das nächste Abenteuer nicht lange auf sich warten. Freitagabend fuhr ich mit Teamkollegen Andy Attacke und Cross Konrad zu Turbo Tjorden, der unweit der dänischen Grenze zu Hause ist. Eigentlich haben wir uns nur kurz hingelegt und sind dann wenige Stunden später, am Samstagmorgen gleich weiter ins nördliche Dänemark gefahren. 

Als wir nach Dänemark einfuhren, konnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass die Gesamteinwohnerzahl bei ca. 8 liegt. Laut Navi waren wir einen Kilometer vom Startort des Rennens entfernt, aber außer einer Kuh auf der Weide sahen wir kein weiteres Lebewesen. Um die letzte Ecke herum mit Blick auf das Start/Zielbanner bot sich uns dann aber ein völlig unerwarteter und durchaus  beängstigender Ausblick auf Heerschaaren von blonden und durchtrainierten Rad-Wikingern, die in ihren Feldlagern bereits die Carbonfelgen wetzten. Obwohl es sich um ein Lizenzrennen handelte hatte man den Eindruck bei einem Jedermannrennen zu sein. Die Organisation war erstaunlich gut mit Austellern, Essen und Trinken, ein richtiger Event halt. Das Rennen war in verschiedene Klassen eingeteilt, die mit Startnummern in verschiedenen Farben kenntlich gemacht und in kurzer Startabfolge in die Windkantenschlacht geschickt wurden. Neben A, B, C, gab es auch noch Klasse D und verschiedene Nachwuchs- und Seniorenkategorien. Analoge Klassen für die Damen gab es auch, mit Rennen in denen richtige Pelotons erkennbar waren. Das sollte ein normales Straßenrenn sein? Laut Turbo Tjorden, der öfters in Dänemark Rennen fährt soll das immer so sein. Beeindruckend. Vielleicht sollte der BDR ja mal eine Bildungsreise nach Dänemark machen.

Fertigmachen für den ersten Renntag
Andy Attacke, Kross Konrad und Turbo Tjorden konnten im C-Rennen gemeinsame Sache machen. Ich musste mich allein im B-Rennen durchschlagen, welches in einer mir unbekannten Art und Weise gefahren wurde. Generell fahren die Dänen äußerst aggressiv. Ab dem ersten Meter wird attackiert. Soweit kenn ich das. Aber wenn der oder die Ausreißer dann wieder eingefangen sind, will keiner führen, man guckt sich an und der nächste attackiert. Sprinten, bremsen, sprinten, bremsen aka. Kriterium über 3h. Selbst wenn vorne schon eine Gruppe weg ist, wird attackiert. Die meisten kommen aber nicht weit, was sie nicht davon abhält wieder und wieder mal für 500m in den Wind zu sprinten. Eine funktionierende Nachführarbeit zu organisieren, war ein Ding der Unmöglichkeit. Schnell ermüdend wanderte mein Blick auf den Tacho. Sollte nicht mal endlich die erste Runde rum sein? Angeblich sollten 5 Runden gefahren werden. Als dann aber die erste Durchfahrt kam, standen da 35km auf meiner Uhr. Trotz geistiger Umnachtung aufgrund der Anstrengung und fehlenden Taschenrechners, kam ich jedoch schnell darauf, dass 5 x 35km heute nicht gefahren wurden, zumindest nicht von mir. Aber wir waren ja erst einmal durch und ich lenkte mich mit anderen Beobachtungen ab. Insbesondere interessant fand ich, dass trotz des hohen Levels an fahrerischer Aggressivität Kurven an- und durchfahren wurden, als wenn Glatteis auf der Straße läge. Aber das hat wohl damit etwas zu tun, dass der durchschnittliche radsporttreibende Däne kein Rad unter 6000€ fährt und dieses nicht beschädigen möchte. Selbst die jüngsten Nachwuchsathleten haben Material was jedem Profiteam das Wasser reichen könnte. Da werden dann die Zipp in 26 Zoll für den achtjährigen Mørkov ausgepackt und nach zwei Jahren mit fortschreitendem Wachstum dann halt gegen die 28 Zoll Zipp ausgetauscht. Mich meines billigen 4000€-Rad schämend versuchte ich dann zumindest athletisch zu überzeugen und schaffte in der dritten Runde den Sprung in eine Fluchtgruppe. Als wir zur dritten Durchfahrt kamen und selbst der dicke Karlsson, der die letzten 20km nur gelutscht hatte anfing zu sprinten, wusste ich, dass ich mein Dänisch verbessern musste, um beim nächsten Mal die genaue Rundenzahl in Erfahrung bringen zu können. Einerseits war ich überrascht und etwas enttäuscht den Sprint verpasst zu haben, andererseits erleichtert. Denn für 175km sprinten, bremsen, sprinten, bremsen hätte mein einzelner Riegel nicht gereicht.

Turbo Tjorden mit Begleitcrew
Nach dem ersten Rennen ging es in ein nahegelegenes Bed & Breakfast, welches sehr komfortabel und mit allen Annehmlichkeiten eingerichtet war. Wer einmal auf dem Italienischen Campingplatz war, freut sich eben über eine richtige Toilette. Darüber hinaus war ich erfreut Cross Konrad als meinen Zimmernachbarn zu haben. Nachdem ich die Kiste Red Bull in Andy Attackes Kofferraum am Vortag entdeckt hatte, war ich schon in Sorge, dass die Nächte kurz werden würden. So war es dann auch – aber zu meinem Glück nur für Andys Zimmernachbarn. Das ist halt wie im Rennen. Um Kraft zu sparen, muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Andy beschloss nämlich am nächsten Morgen um 5 Uhr aufzustehen und den lokalen Flohmarkt zu besuchen. Als ich mich dann um 9Uhr an den Frühstückstisch schleppte saß Andy bereits in vollem Rennoutfit da und fragte wann wir losfahren würden. Mit der Gegenfrage, ob er denn schon warmgefahren sei, erkaufte ich mir 15 Minuten. An dieser Stellte sei bemerkt, dass der Rennstart um 12:30 Uhr war und sich unsere Anreise auf 30min beschränkte. Schach Matt, mein entspannter Morgen.

Verpflegung ist fertig
Gehetzt und grau vom Vortag ging es in den zweiten Renntag. Die Drohung hieß heute es gäbe Windkante. Der fünfmal zu befahrende 26km Kurs (ja, diesmal hatte ich mich genau informiert) war flach und windig. Wobei die Windkante dann nicht so schlimm ausfiel wie befürchtet. Für Auawe und den allgemeinen Windkantenfrust hat es dann aber doch noch gereicht – und das nicht nur bei mir. An einer Stelle des Rennens fuhr ich ordentlich in der Einerreihe auf der Grasnarbe bis plötzlich der dickliche Karlsson vom Vortag wie ein Stein nach hinten durchgereicht wurde. Als ich gerade um ihn herumfahren wollte entschied er sich spontan mein kuschliges Windschattenplätzchen zu vereinnahmen, was mir aufgrund meiner akuten Windallergie gar nicht gefiel. Ich zeigte mit der Hand an wieder in meine Lücke fahren zu wollen. Dies funktionierte bei den allgemein sehr netten Dänen eigentlich ganz gut. Nur nicht bei Moppelkarlsson. Als Zeichen der höflichen Ablehnung nutzte der Kugelblitz das mir bis dato noch nicht bekannte internationale Zeichen für „nein“, bei dem man ganz einfach seinen Ellbogen in die Rippen des Dialogpartners rammt. Dieses Zeichen, aufgrund meines begrenzten Zeichensprachenvokabulars missinterpretierend, nahm ich an der dicke Däne wollte nur kuscheln. Wärmespendent lehnte ich mich also etwas an. Dies kam aber auch nicht so gut an und ich sah peripher, wie der XXL Bjarne-Riis-Verschnitt seine Hand vom Lenker nahm. Diesmal keine Herzlichkeit erwartend stellte ich mein Rad etwas an, was dazu führte, dass Karlsson nicht mich wegschubste, sondern sich mehr oder minder an mir in den Straßengraben abstoß. Ich winkte noch kurz und frönte weiter dem Fahren auf der weißen Seitenlinie bei 50 Sachen, was dann aber schnell wieder in das bipolare Sprint-Brems-Muster wechselte. Ich war wirklich grau vom Vortag und merkte schon, wie die Oberschenkel zuckten. Ich lokalisierte also das Grupetto mit der Absicht Kräfte für den nächsten Tag zu sparen. Aber selbst hier wurde bis zum letzten Meter attackiert. Es ging sogar soweit, dass einige noch anfingen auf der Zielgerade zu sprinten – für Platz 25 oder so. Nach dem Rennen gratulierte ich allen meinen Mitfahrern aus dem Grupetto, die durch ihren erfolgreichen Sprint vor mir ins Ziel gekommen waren, nur um anschließend beim Wettkampfausschuss einen heimlichen Protest wegen Festhaltens am Auto einzulegen. Nein, das habe ich nicht wirklich gemacht. Aber lustig wär’s gewesen.

Andy Attacke war erfolgreich auf der Suche nach Schatten
Am letzten Tag brannte der Planet und es ging auf eine Runde, die einen Anstieg beinhaltetet, der Teil einer Giro d‘Italia Etappe war, als diese 2012 in Dänemark startete. Super, dachte ich mir, vor allem weil ich kaum noch die Treppen rauf und runter kam. Zumindest gab es aber schon mal keinen Wind. Das erste von sechs Mal die Welle rauf wurde ich direkt abgehängt und schaffte mit drei weiteren Fahrern nur gerade so wieder den Anschluss. Beim zweiten Mal versuchte ich die altbewährte Slip-und-Slide-Technik: vorne reinfahren, langsam durchreichen lassen und am Ende des Feldes über die Kuppe fahren. Das langsam durchreichen lassen ging aber deutlich zu schnell gemessen an der Länge des Anstieges. Also hieß es leicht machen und mit rüber. Diesmal reichte es aber immerhin für eine Verfolgergruppe. Diese fuhr dann erstaunlich gleichmäßig für die nächsten drei Runden weiter. In der letzten Runde sahen wir dann das Hauptfeld vor uns und schafften kurz vor dem finalen Anstieg den Zusammenschluss. Ich mobilisierte noch mal alles um vorne mit drüber zu fahren. Ich dachte mir, wenn die so einen Hobbysportler wie mich nicht vorher  abstellen, mach ich die nass. So kam es dann auch und ich wurde über die Welle zur Linie geschleppt. Nur einer war noch dreister beim Kräftesparen und ich sprintete auf Platz des Hauptfeldes über die Linie. Ganz vorne war noch eine sieben-Mann-Gruppe gewesen. Aber mit meinem neunten Platz war ich an dem Tag mehr als zufrieden.

Fundstück des Wochenendes: bei jedem Rennen war dieses Schild zu finden, über das ich lange nachgedacht habe. Mit einem Komma hieße es "Dropzone, (du) Schlampe", was bedeutet  wirf deine Flaschen etc. nur hier hin und nirgendswo anders - du Schlampe! (Im Sinne von "du unordentlicher Mensch") Oder sollte es etwas bedeuten Dropzone für Schlampen? Wenn man nicht mehr zufrieden ist, einfach hier abladen? Wir werden es wohl nie erfahren...
Vom Pfingstrückreiseverkehr größtenteils verschont fuhren wir in Rekordzeit zurück nach Berlin. Die Tasche ließe ich aber weitestgehend eingepackt, da es einen Tag später schon wieder nach Norden ging. Diesmal aber ein Stück weiter, nämlich nach Schweden für die 300km Vätternrunde. Der nächste Bericht folgt also in Kürze.