Wie es dazu kam. Eine mögliche Erklärung:
Nachdem ich dieses Jahr überraschenderweise nicht für die
Tour de France nominiert wurde, dachte ich mir mach ich doch einfach meine
eigene. Da ich jedoch keine Zeit hatte drei Wochen quer durch das Franzosenland
zu fahren, musste eine effektivere Lösung her. Als erstes habe ich mir überlegt
einfach alle Flachetappen wegzurationalisieren. Zu einer Entscheidung im
Gesamtklassement kommt es hier eh nie. Da schlaf ich schon beim Zugucken im
Fernsehen immer ein. Die verbleibenden, rennentscheidenden Bergankünfte habe
ich dann einfach zusammengefasst und in einen Event gepackt. Da ich aus Gründen
der weiteren Kosten- und vor allem Zeiteffizienz aber nicht von Berg zu Berg
durch Frankreich fahren wollte, war die Lösung naheliegend einfach alle
Bergankünfte an einem einzigen Berg durch mehrfaches Befahren zu simulieren.
Also ging es zum Berg der Berge, dem Mont Ventoux, um diesen dann sechs Mal am
Stück zu erklimmen.
Wie es dazu kam. Die Wahrheit:
Mein Vereinskollege, Uwe fragte mich vor geraumer Zeit ob
ich den Club des Cinglés du Mont-Ventoux kennen würde. Da sich dies verdächtig
nach Französisch anhörte wollte ich eigentlich spontan antworten, dass ich mit
der Sache nichts zu tun haben wollte. Aus Höflichkeit erkundigte ich mich dann aber
doch worum es sich handelte. Uwe klärte mich auf, dass es hierbei um einen Club
ging, in dem man nur als Mitglied aufgenommen würde, wenn man die sogenannte
„Cinglés-Prüfung“ besteht. Dafür muss man den Mont Ventoux lediglich auf all
seinen drei asphaltierten Passstraßen jeweils bis zum Gipfel befahren. Der Clou
ist, dass dies an einem Tag geschehen muss. Er fragte mich, ob ich nicht Lust
hätte ihn zu begleiten. Nein, hatte ich nicht, dachte ich mir spontan. Fett
sein, gepaart mit Trainingsfaulheit und Berge vertragen sich eben nicht. Außerdem
müsste ich nach Frankreich und das auch noch in meiner Freizeit! Aus
irgendeinem Grund packte mich dann aber doch die Neugier und ich guckte mir die
Sache einige Zeit später etwas näher an. Eine Internetrecherche ergab, dass es
neben der von Uwe genannten Challenge noch zwei Alternativen gab, um in den
Club zu kommen. Die „Galériens“ bestand darin den Berg an einem Tag nicht nur
auf seinen drei asphaltierten Straßen zu gipfeln, sondern zusätzlich auch auf
der vierten, nicht asphaltierten Piste. Die letzte der drei Alternativen, die
„Bicinglettes“ war ganz simpel die „Cinglés“ mal zwei. Man musste also innerhalb
von 24h je zweimal alle drei asphaltierten Passstraßen auf den Mont Ventoux
befahren.
Die Challenges in der Übersicht:
Cinglés: 3
x Ventoux = 136km, 4443hm
Galériens: 4
x Ventoux = 187km, 6052hm
Bicinglettes: 6
x Ventoux = 272km, 8886hm
Die drei asphaltierten Anstiege:
Sault: Der längste aber leichteste -
26km, 4,7% Steigung ø, 9,5%
Steigung Max, 1220hm
Bédoin: Der
steilste/schwerste - 21km, 7,5% Steigung ø,
10,7% Steigung Max, 1610hm
Malaucène: Der
windigste - 21km, 7,5% Steigung ø,
10,5% Steigung Max, 1570hm
Uwe wollte die Cinglés absolvieren. Die Statistik verriet
mir, dass von den bisherigen 7200 Absolventen 92,48%, also 6658 dies getan
hatten. Den Galeriens hatten 453 (6,29%) bis dato absolviert und den
Bicinglettes hatten sich bis dahin nur 1,23%, also 89 Schwachköpfe erfolgreich
angetan. Ich dachte mir, wenn ich schon nach Frankreich fahren, um einen Berg immer wieder rauf- und runterzufahren, dann nicht um Mitglied in irgendeinem Club zu werden, sondern um
etwas zu versuchen, was für mich eine richtige Herausforderung darstellte. Eine
echte persönliche Challenge halt. Dreimal hochfahren hätte einfach nur weh
getan, aber wäre keine existenzielle Challenge gewesen und hätte mich
vielleicht an, jedoch nicht über meine Grenzen gebracht. Folgerichtig meldete ich
mich in meiner geistigen Umnachtung für die Bicinglettes an.
Uwe und ich fuhren also nach Frankreich. Nach nur 15
Stunden im Auto (gute Idee) erreichten wir die in eine warme Abendsonne
gehüllten Lavendelfelder der Provence und checkten in unser Hotel in Sault ein.
Am Folgetag schlug ich vor den Ventoux mit seinen 1912m schon einmal zur
Besichtigung mit dem Rad zu befahren. Uwe wollte eher Kraft sparen, was in der
Betrachtung im Nachhinein deutlich mehr Sinn gemacht hätte. Spontan argumentierte ich jedoch,
dass wenn uns der einmalige Aufstieg am Vortag schon Probleme bereiten sollte, wir am
nächsten Tag der Zeitersparnis wegen direkt die Heimreise antreten könnten. Also
rauf. War heiß. Spaßlevel medium. Der Anblick des Gedenksteins für Tom Simpson,
der schon beim einmaligen Versuch den Ventoux bei der Tour 1967 zu gipfeln sein Leben
ließ, trug auch nicht nur Aufmunterung bei. Der einzige Lichtblick war das
anschließende Bier.
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| Beim ersten Mal konnte man noch lachen. |
Wir gingen früh ins Bett denn der Plan war um drei Uhr
aufzustehen und um vier Uhr auf dem Rad zu sitzen. Von Sault aus, nach der
Durchfahrung eines dunklen Waldstücks inklusive einiger Begegnungen mit
Steinböcken, Rehen und sonstigen Waldbewohnern erreichten wir zwei Stunden nach
unserem Start zum ersten Mal an jenem Tag den Gipfel. Nach einer kurzen
Bewunderung des Sonnenaufgangs stürzten wir uns in die Abfahrt nach Bédoin. Beim Erreichen der Ortschaft hieß es Beweisfoto machen, denn Stempel für die
Kontrollkarte bekam man um diese Zeit noch nicht. Dann machten wir zügig kehrt
und fuhren wieder gen Gipfel. Der Aufstieg von Bedoin, führte ebenso wie der
von Sault durch ein Waldstück. Er war zwar um fünf Kilometer kürzer, aber dafür
ungleich steiler. Mit meiner Standard-Kurbel stand ich auf meinem 27er-Ritzel
und wir bewegten uns mit 10 km/h langsam, aber stetig der Kreuzung Chalet Reynard entgegen,
die auf Höhe der Baumgrenze, ca. sechs Kilometer unterhalb des Gipfels lag.
Hier trafen die Aufstiege Sault und Bédoin aufeinander und vereinten sich für
die letzten sechs Kilometer hinauf zur Spitze. Nach der zweiten Gipfelung ging
es dann ohne große Verzögerung auf der Rückseite des Ventoux hinunter nach
Malaucène. Hier legten wir einen kurzen Bäckerstop ein und unterhielten uns ein wenig mit
Australischen Radtouristen.
Generell war es ab 9 Uhr unglaublich voll am Ventoux.
Aber es wimmelte nicht nur von Radtouristen, die den Berg bezwingen wollten,
sondern von fast ebenso vielen Sportfotografen, die dich beim Bergauffahren aufforderten
zu lächeln, ein Foto von deiner grinsenden Schmerz-Visage machten, dir dann
im Vorbeifahren ihre Visitenkarte zusteckten, während sie dich mit einem „Bon
Courage“ verabschiedeten und sich schon dem nächsten Radkloppi zudrehten. Irgendwie
erinnerte mich dies an die Mexikaner in Las Vegas, die vor jedem
Etablissement stehend, einen im Vorbeigehen mit Flyern oder ähnlichem versorgen. Dort konnte ich mir wenigstens die Hände in die Taschen stecken, was
jedoch am Ventoux eher schwer fiel. Also akzeptierte ich freundlich lächelnd
unzählige Visitenkarten, die am Tagesende eine meiner Trikottaschen gänzlich füllten.
Nachdem wir gegen Mittag das dritte Mal den Ventoux
bezwungen hatten, war Uwes Tageswerk vollbracht. Wir rollten gemeinsam hinab zum
Restaurant, Chalet Reynard, wo Uwe sich eine ordentliche Stärkung genehmigte.
Ich fuhr währenddessen direkt weiter hinab nach Bedoin - zum zweiten Mal. Beim erneuten Aufstieg kam ein
ambitionierter Amateur von hinten an mir vorbeigefahren. Trotz der mittlerweile vierten
Befahrung des Ventoux und bereits sieben absolvierten Stunden im Sattel, hielt ich es für eine gute Idee mir ein Radrennen mit genannten Athleten zu liefern. Nach 20 Minuten bei deutlich über 300 Watt setzte dann
aber doch der Verstand ein. Vielleicht war es aber auch nicht der Verstand,
sondern die Schnappatmung, die einsetzte. Nur unwesentlich später fand ich mich
völlig befreit von Trinkbaren und mit ersten Anzeichen eines Hitzschlags ca.
10km vom rettenden Restaurant wieder. Dies war eine signifikante Distanz, wenn
man bedenkt, dass ich zu diesem Zeitpunkt ca. sechs Minuten pro Kilometer brauchte. Im Restaurant mit Müh und Not
angekommen setzte ich mich zu Uwe und nahm neben Unmengen an Wasser und Cola
auch einen Crêpe zu mir und versuchte meine Körpertemperatur wieder auf ein
Normalmaß runterzuregulieren. Ich dachte bereits daran mit Uwe direkt nach
Sault hinabzurollen und die Sache zu beenden. Wenig später beschloss mein
Körper, ohne Zustimmung meines Geistes dann aber doch noch das letzte Stück
hinauf zum Gipfel zu fahren. Anschließend fuhr ich nach Sault hinunter. Zu dem
Zeitpunkt hatte ich mich etwas erholen können und beschloss zumindest noch den relativ
leichten Aufstieg von Sault aus zu absolvieren. Tatsächlich konnte ich relativ entspannt
wieder hinauf nach Chalet Reynard fahren. Obwohl ich mich besser fühlte, musste
ich aber noch so benebelt gewesen sein, dass mein Verstand erneut aussetzte. Denn auf
den letzten sechs Kilometern hinauf lieferte ich mir ein Duell mit einem in ein
Belkin-Outfit gekleideten Juniorenfahrer. Krämpfe verhinderten dann aber leider
meinen wohlverdienten Triumph und ich musste den Spargeltarzan einen Kilometer
vor der, mit zunehmend starkem Wind umwehten Todeskuppe ziehen lassen. Der
Ehrgeiz meinen jungen Duellpartner doch noch einzuholen, verleitete mich dann die
Schussfahrt hinunter nach Malaucène zu nehmen. Meine Freude darüber den überraschten
Jungspund mit signifikanten Geschwindigkeitsüberschuss zu überholen und wie an die
Straße genagelt hinter mir zu lassen, wich schnell der entmutigenden Erkenntnis
jetzt ja doch noch Mal hinauffahren zu müssen. | Das letzte Bild des Tages. Beim sechsten Mal war keiner sonst mehr da, der das Foto hätte machen können. |
Mental genordet, also wieder am Boden und mit abermals
gefährlich wenigen Trinkvorräten machte ich mich an die sechste Befahrung des
Tages. Das Telefon war mittlerweile tot, die anderen Radfahrer und Fotografen
waren verschwunden und die Sonne neigte sich hinter mir dem Horizont entgegen.
Die Sonne hatte ich zwar im Rücken, aber dafür einen stetig zunehmenden Wind im
Gesicht. Schlimmer als Bergauffahren ist nur Bergauffahren mit Gegenwind. Nach
nur fünf Kilometern, der mit durchschnittlich 7,5% Steigung versehenen 21
Kilometer, die ich bis zum Gipfel noch hatte war jeder Rest mentaler Stärke
verflogen; von der physischen Verfassung ganz zu schweigen. Die Uhr sagte mir,
dass die 13. Stunde angebrochen war und ich schätzte, dass noch etwa zweieinhalb
vor mir liegen würden. Ich zweifelte sehr an meiner Fähigkeit den Gipfel ein weiteres
Mal erreichen zu können und murmelte nur „Weiterfahren, Weiterfahren,
Weiterfahren“ im Rhythmus der stetig geringer werdenden Trittfrequenz. Weitere fünf
Kilometer später, zehn Kilometer vom Ziel meiner Träume entfernt musste ich eine
Pause einlegen. Ich war am Ende. Ich zwang meinen völlig entkräfteten Körper
ein Stück von dem Rest Salamibaguette zu essen, welches ich den halben Tag bergauf und bergab spazieren gefahren hatte. Aber mein Körper schrie nur
nach Wasser und Hinlegen. Nichts davon sollte er zeitnah bekommen. Der Wind
verlangsamte mich nicht nur und raubte mir die letzten physischen Kräfte, er
setzte mir vor allem nervlich zu mit seinem stetigen Geschrei. Ich hatte
fertig. Flasche war leer. Wollte schieben, aber meine alte Rennfahrerehre hätte
mich vorher eher sterben lassen. Aber all dies war nichts gegen die letzten
drei Kilometer. Im Unterlenker mit dem Kinn auf dem Vorbau drückte ich gegen
Orkanwind und 11% Steigung. 220 Watt verhalfen mir zu zeitlupenähnlichen 6-7
km/h. Mehr war aber einfach nicht drin nach 13,5 Stunden. Drei Kilometer hören sich so nah an, aber wenn man zehn Minuten für einen
Kilometer braucht, entsteht eine deutliche Diskrepanz zwischen räumlicher und
zeitlicher Distanz. Zum ersten Mal konnte ich körperlich nachfühlen warum sich
Jemand 100 Meter vor dem Marathonziel auf den Randstein legt und sagt, "Ich hör
hier jetzt auf". Nach weggeworfenen Coladosen am Straßenrand suchend, um
eventuell noch einen Tropfen zu finden, tauchte auf einmal Tom Simpson neben
mir auf und flüsterte mir ins Ohr: „Fahr einfach über die Klippe, ist schon
ok“. Ich erwiderte nur: „Tom, sterben ok, aber nicht in Frankreich.“ Außerdem
wollte ich keine Ratschläge von Jemanden annehmen, der mit Amphetaminen und
sonstigen Hilfsmitteln vollgepumpt schon beim Erstversuch der Ventouxbefahrung
verreckt war. Ich zählte also Meter und murmelte stetig mein Mantra.
Irgendwie kam ich zum Gipfel. Freude kam aber nicht auf. Der Orkan wollte mir
mein Rad wegreißen und der Turm auf dem Gipfel spendete nur sehr wenig
Windschatten. Es war furchtbar laut und beängstigend einsam. Der Wind machte
die Abfahrt zu einer verlängerten Auffahrt. Erst unterhalb der Baumgrenze
stellte sich eine gewisse Entspannung ein – zumindest mental. Der Wind riss
nicht mehr an meinem Lenker und auch sein Geschrei verstummte. Beim kurzen Blick
mit halboffenen Augen zurück zum Gipfel, hinter dem die Sonne unterging erstreckte sich die schwarze Silhouette des Turms auf dem Gipfel wie ein
gestreckter Mittelfinger. Bis zum bitteren Ende hatte mir dieser Berg zugesetzt.
In Erwiderung erhob ich meinen Mittelfinger. Ich hatte ihn trotzdem besiegt und
zwar sechs Mal. Nimm das, du Schippe Sand, dacht ich mir, bevor sich mein Fokus
wieder meiner immens schlechten körperlichen Verfassung zuwandte. Körperlich
wurde es nämlich trotz abnehmender Belastung nur noch schlimmer und ich konnte
mich kaum noch auf dem Rad halten.
| Offiziell die Nummer 91 im Club der komplett Bescheuerten. |
Im Hotel angekommen befüllte ich meinen ausgemergelten
Körper per Sturzbetankung mit ein paar Hektolitern Cola und Wasser.
Anschließend schaffte ich es nur im Sitzen mich zu duschen. Der Plan war noch
Essen zu gehen und unseren Erfolg zu feiern. Stattdessen fiel ich trotz
massiver Coffeinaufnahme in einen Tiefschlaf, der zehn Stunden andauerte. Geweckt
von einem nagenden Hunger verbrachte ich den Großteil des nächsten Morgens
damit die ungewöhnlichsten Kombinationen von Essbarem vom Buffet zu klauben und
unter Beobachtung der anderen, sichtlich verstörten Hotelgäste in
Lichtgeschwindigkeit mit beiden Händen in mein Gesicht zu drücken. Wenig später, bereits im Auto sitzend fiel ich wieder in einen Tiefschlaf, was zu dem glücklichen Umstand führte, dass ich die halbe Heimfahrt verpasste. Erst gegen Nachmittag kam ich wieder
einigermaßen zu mir.
Selbst zwei Wochen später merke ich noch die körperlichen
Nachwehen. Auch im Geiste ist die Anstrengung noch omnipräsent. Normalerweise
verfliegt das Gefühl der Anstrengung schnell nach einer großen Belastung und
die Erinnerung lässt alles heroisch und stolzerfüllend erscheinen. Aber nicht so
nach dieser Tortur. Ich werde jetzt noch eine ganze Weile frei machen und
darauf warten, dass das sich das Gefühl von Stolz oder zumindest ein friedliches Vergessen einstellt. Mein Duschgel, dass nach
Lavendel riecht habe ich aber vorerst weggeschmissen.
Details der Tour hier:

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