Nachdem ich mich über die Saison verteilt langsam über
Dänemark nach Schweden vorgetastet hatte, habe ich mich nun noch weiter in das
Land der Wikinger vorgewagt und bin nach Island geflogen. Dort nahm ich am
Alvogen Midnight Time Trial, einem 32km-Zeitfahren in Reykjavik teil. Zustande
kam dies durch Robert Wessman, den ich im Vorjahr im Trainingslager in Spanien begleitet hatte. Als passionierter Radsportler und als CEO von Alvogen, einem der größten Pharmakonzerne der Welt mit den entsprechenden finanziellen Mitteln
ausgestattet hat Robert den Midnight-Time Trail ins Leben gerufen, welcher nun
schon im zweiten Jahr stattfand.
Angelegt war das Zeitfahren, zusammen mit einem Konzert als
Benefizevent, bei dem Mittel für UNICEF gesammelt wurden. Robert fragte mich
vor einigen Monaten, ob ich nicht Lust hätte teilzunehmen und ob ich nicht ein
paar bekannte Renner kennen würde, mit denen man den Event entsprechend
promoten könnte. Durch die zeitliche Nähe zur Tour de France war es aber unmöglich
aktive bekannte Rennfahrer dazu zu bewegen an so einer Spiel- und
Spaßveranstaltung teilzunehmen. Also rief ich meinen ehemaligen
Rennfahrerkollegen, Stephan Schreck an um in Erfahrung zu bringen, ob denn
nicht ein gewisser Jan Ullrich zur Verfügung stehen würde. Der Kontakt kam zustande
und es stellte sich heraus, dass noch Platz im Kalender geschaffen werden
könnte. Die Verhandlungen verliefen zwar schleppend, kamen aber dann doch noch
zu einem Abschluss. Als endlich alles unter Dach und Fach war kam es zu jenem
unsäglichen Zwischenfall, bei dem Herr Ullrich unter dem Einfluss von Alkohol
erfolglos versuchte am öffentlichen Straßenverkehr in der Schweiz teilzunehmen.
Den Anruf aus Island erwartend, wählte ich schon mal die Nummer vom
Ullrich-Management. Damit war das Thema durch. Ich sprach noch kurzfristig mit Rennern,
die nicht zur Tour fahren würden wie z.B. Paul Martens, Andreas Müller, Philipp
Walsleben und Jasha Sütterlin, aber auch hier spielten die Rennkalender bzw. die
jeweiligen Teams nicht mit. Glücklicherweise hatte aber Hanka Kupfernagel Zeit und
Freigabe vom Team. Als ehemalige Zeitfahrweltmeisterin war es ja auch mehr oder
weniger genau der richtige Event für sie.
Am 30.06. flog ich also nach Reykjavik. Der Flug ging erst
sehr spät. Ich landete gegen Mitternacht, wobei der Nachthimmel auch der Himmel
über Berlin im November hätte sein können. So fast hell, aber eher grau. Der
Limofahrer, der sich als „Palli“ vorstellte wartete schon auf mich. Auf der ca.
45 minütigen Fahrt vom außerhalb liegenden Flughafen, Keflavik nach Reykjavik
erzählte mir Palli alles über Island und seine eigene Lebensgeschichte. Als wir
um 1 Uhr am Hotel ankamen und ich bemerkte Hunger zu haben empfahl Palli mir
eine entsprechende, noch geöffnete Lokalität und bot mir auch gleich an Geld zu wechseln. Die
Banken hatten um diese Zeit ja zu. Wirklich nett der Typ. Zu nett dachte ich mir und googelte misstrauisch in der Hosentasche auf meinen Smartphone den aktuellen
Umrechnungskurs und versucht ein Bild der Währung im Netz zu
finden. Nicht das ich irgendwelches Monopoly-Geld angedreht bekam. Aber Palli
gab mir alles auf den Cent genau raus und mein letzter Verdacht verflog, als
ich am naheliegenden Hot Dog Stand das vermeintliche Monopoly-Geld gegen einen
sportgerechten Mitternachts-Snack eintauschen konnte. Ich lud Palli dann noch
auf einen Hot Dog ein, und er erzählte fröhlich weiter aus seiner Zeit als
Polizist im Norden Islands.
Drinnen war es durchaus behaglich. Durch die Umkleiden und die mit Naturstein
ausgelegten Duschen ging es ins Freie hinaus in den Badebereich. Bloß schnell
rein ins Wasser, dachte ich mir. Draußen 5 Grad und peitschender Regen, drinnen
dann aber 40° und Wohlfühlen. Schnell lokalisierte ich die Poolbar und die
Stelle, an der das heiße Wasser aus dem Erdinneren kam. Als es dann etwas zu
warm wurde, lief ich die Poolanlage ab. Wobei das mehr ein Robben auf den Knien
war, da die Wasserhöhe nämlich nur bis etwa zum Bauchnabel reichte. Die
Kombination aus Bar und sehr warmen Wasser verriet mir jedoch, dass dies kein
Konstruktionsfehler war. Auf meiner Runde entdeckte ich ein Dampfbad, einen
40°-warmen Wasserfall und eine Stelle, an der sich ortskundige asiatische
Touristen irgendeinen Schlamm ins Gesicht schmierten. Nachdem ich alles
ausprobiert hatte und ein paar weiteren Stunden in illustrer Runde verbracht
hatte ging es zurück ins Hotel.
| Im Hintergrund gut zu erkennen: Sauron kocht sich ein paar Orks zum Mittagessen. |
Als die nächsten
Interviewteams wiederholt fragten „Wie haben Sie sich auf dieses Zeitfahren vorbereitet,
Herr Ritzel?“ ging ich zu Antworten über wie z.B.: „Ich habe meinen Bierkonsum hektoliterweise
nach dem sportwissenschaftlichen Prinzip der progressiven Trainingsbelastung auf Wikingerniveau angehoben.“ oder auch: „Durch
Bartwuchs habe ich mich auf die Witterungsbedingungen eingestellt und optisch der hiesigen Bevölkerung angepasst“. Durch
verständnisvolles Nicken signalisierte der Isländische Interviewer vollstes Verständnis
für diese Maßnahmen und bemerkte nur kurz, dass er dann wohl auch ein guter
Radfahrer sein könnte. Daraufhin erwiderte ich, dass ich noch nicht wüsste ob
diese Trainingstechniken auch funktionieren würden, da ich diese gerade in
einem Selbstversuch evaluieren würde. Abschließend versprach ich ihn aber über
deren mögliche Wirksamkeit später in Kenntnis zu setzten. Nach dem
Medienmarathon und einer weiteren Stunde auf der Rolle im Hotelzimmer folgte
noch ein Abendessen mit Hanka und Anhang bevor ich durch das Zuziehen der
Doppelrollos künstlich die Nacht einleitete.
Als
Letzter gestartet, kam ich dann auch als Letzter ins Ziel. Bei der unmittelbar
angeschlossenen Siegerehrung wurde ich zu meinem Erstaunen dann aber auf’s
Podest gebeten. Zuerst nahm ich an, dass ich entweder öffentlich blamiert werden
sollte und übersetzte in meinem Kopf schon den isländischen Aufruf des
Kommentators mit „…und hier, meine Damen und Herren die Loris aus Deutschland“.
Als aber keiner hämisch lachte und mit dem Finger auf mich zeigte, nahm ich an,
dass das irgend so eine Mitleidstour war. Aber nichts von beiden. In allen
Kategorien wurden immer die ersten vier geehrt und ich hatte es tatsächlich noch
auf den vierten Platz geschafft. Als die Preise dann übergeben wurden wusste
ich warum die Wikinger wie um ihr Leben gefahren waren. Die Platzierungen vor
mir wurden mit iPhones der neusten Generation und irgendwelchen Flugreisen
geehrt. Ein ordentlicher Standard für ein Jedermannzeitfahren in Mittelerde.
Ich habe immerhin einen in Leder gebundenen Island-Bildband bekommen. Außerdem
war der ganze Trip für mich ja schon Geschenk genug. Hanka hatte standesgemäß bei den Damen gewonnen.
Nach einer Dusche folgte dann direkt im Anschluss der Besuch
des Benefizkonzertes. Ein paar Tausend Leute nickten ausgelassen zu der
Isländischen Version von Boy George, der performte, als würde er tatsächlich
live singen und als würde kein Playback im Hintergrund laufen. Dann kam die Isländische
Version von den Hives, die wirklich live spielten und auch wirklich gut waren.
17 Bier später brauchte ich auch kein Rollo mehr um im Hotel einzuschlafen. Am
nächsten Tag wartete dann Palli vor dem Hotel, um mich zum Brunch in den
Alvogen-Hauptsitz, dem wohl einzigen Hochhaus in Island zu fahren. Im Anschluss ging es dann zum Flughafen.
Insgesamt muss ich sagen, hat mich Island tief beeindruckt. Die Leute arbeiten
äußerst effizient, sind super nett und gleichzeitig sehr gelassen. Und wenn man
sich überlegt, dass es gerade mal drei Flugstunden weit weg ist, kann man da
auch ab und an mal ein verlängertes Wochenende zubringen. Ich komme jedenfalls definitiv
wieder.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen