Seit meiner Zeit als schlecht bezahlter Berufsradfahrer oder besser noch, als überbezahlter Vollzeitamateur hatte ich nicht mehr einen solch dicht gestrickten Rennkalender, wie in diesem Jahr, wobei sich die Art der Events dann teilweise doch deutlich unterscheidet. Ohne großes Zutun meinerseits hat sich durch Einladungen von Freunden ein durchaus wilder Radport-Veranstatlungs-Mix ergeben. Neben den „normalen“ Lizenzrennen an fast jedem Wochenende ist von einem 30km-Zeitfahren in Reykjavik um Mitternacht bis zum sechsmaligen Befahrens des Mont Ventoux an einem Tag alles dabei. Nach der regen Leserschaft des letztjährigen Trans-Alp-Blogs und dem aktuell ähnlich großes Potential in Sachen Unterhaltungswert werde daher über den Verlauf der verbleibenden Saison meine Erlebnisse bei den verschiedenen Veranstaltungen an dieser Stelle mit euch teilen.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Alvogen - Midnight Time Trial, Island (03.07.2014)

Nachdem ich mich über die Saison verteilt langsam über Dänemark nach Schweden vorgetastet hatte, habe ich mich nun noch weiter in das Land der Wikinger vorgewagt und bin nach Island geflogen. Dort nahm ich am Alvogen Midnight Time Trial, einem 32km-Zeitfahren in Reykjavik teil. Zustande kam dies durch Robert Wessman, den ich im Vorjahr im Trainingslager in Spanien begleitet hatte. Als passionierter Radsportler und als CEO von Alvogen, einem der größten Pharmakonzerne der Welt mit den entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet hat Robert den Midnight-Time Trail ins Leben gerufen, welcher nun schon im zweiten Jahr stattfand.  Angelegt war das Zeitfahren, zusammen mit einem Konzert als Benefizevent, bei dem Mittel für UNICEF gesammelt wurden. Robert fragte mich vor einigen Monaten, ob ich nicht Lust hätte teilzunehmen und ob ich nicht ein paar bekannte Renner kennen würde, mit denen man den Event entsprechend promoten könnte. Durch die zeitliche Nähe zur Tour de France war es aber unmöglich aktive bekannte Rennfahrer dazu zu bewegen an so einer Spiel- und Spaßveranstaltung teilzunehmen. Also rief ich meinen ehemaligen Rennfahrerkollegen, Stephan Schreck an um in Erfahrung zu bringen, ob denn nicht ein gewisser Jan Ullrich zur Verfügung stehen würde. Der Kontakt kam zustande und es stellte sich heraus, dass noch Platz im Kalender geschaffen werden könnte. Die Verhandlungen verliefen zwar schleppend, kamen aber dann doch noch zu einem Abschluss. Als endlich alles unter Dach und Fach war kam es zu jenem unsäglichen Zwischenfall, bei dem Herr Ullrich unter dem Einfluss von Alkohol erfolglos versuchte am öffentlichen Straßenverkehr in der Schweiz teilzunehmen. Den Anruf aus Island erwartend, wählte ich schon mal die Nummer vom Ullrich-Management. Damit war das Thema durch. Ich sprach noch kurzfristig mit Rennern, die nicht zur Tour fahren würden wie z.B. Paul Martens, Andreas Müller, Philipp Walsleben und Jasha Sütterlin, aber auch hier spielten die Rennkalender bzw. die jeweiligen Teams nicht mit. Glücklicherweise hatte aber Hanka Kupfernagel Zeit und Freigabe vom Team. Als ehemalige Zeitfahrweltmeisterin war es ja auch mehr oder weniger genau der richtige Event für sie.

Am 30.06. flog ich also nach Reykjavik. Der Flug ging erst sehr spät. Ich landete gegen Mitternacht, wobei der Nachthimmel auch der Himmel über Berlin im November hätte sein können. So fast hell, aber eher grau. Der Limofahrer, der sich als „Palli“ vorstellte wartete schon auf mich. Auf der ca. 45 minütigen Fahrt vom außerhalb liegenden Flughafen, Keflavik nach Reykjavik erzählte mir Palli alles über Island und seine eigene Lebensgeschichte. Als wir um 1 Uhr am Hotel ankamen und ich bemerkte Hunger zu haben empfahl Palli mir eine entsprechende, noch geöffnete Lokalität und bot mir auch gleich an Geld zu wechseln. Die Banken hatten um diese Zeit ja zu. Wirklich nett der Typ. Zu nett dachte ich mir und googelte misstrauisch in der Hosentasche auf meinen Smartphone den aktuellen Umrechnungskurs und versucht ein Bild der Währung im Netz zu finden. Nicht das ich irgendwelches Monopoly-Geld angedreht bekam. Aber Palli gab mir alles auf den Cent genau raus und mein letzter Verdacht verflog, als ich am naheliegenden Hot Dog Stand das vermeintliche Monopoly-Geld gegen einen sportgerechten Mitternachts-Snack eintauschen konnte. Ich lud Palli dann noch auf einen Hot Dog ein, und er erzählte fröhlich weiter aus seiner Zeit als Polizist im Norden Islands.

Am nächsten Tag war dann erst mal Ausschlafen und gemütlich Frühstücken angesagt. Dann meldete ich mich bei meinem Kontakt, um den weiteren Ablauf zu besprechen. Für den Tag stand aber nichts an. Also besorgte ich mir eine Rolle und fuhr mir in dem großräumigen Hotelzimmer erst mal eine Stunde die Beine locker. Das Wetter ließ nämlich keinen Sport unter freiem Himmel zu. Orkanartige Böen und heftiger Regen peitschten gegen das Fenster meines Hotelzimmers. Am Nachmittag ging es dann per Limo zum Busbahnhof und von da innerhalb einer Stunde zur Blauen Lagune. Der Ausblick während der Anfahrt war durchaus gespenstisch. Bis hin zum kaum erkennbaren Horizont erstreckten sich dunkle Felder scharfkantiger, getrockneter Lava. Hier und da schossen weiße Rauchwolken in die Höhe und gingen übergangslos in den grauen Himmel über. Ich hielt gespannt Ausschau in Erwartung Frodo und Gollum hinter irgendeinem Felsenvorsprung sich um einen Ring streiten zu sehen. Ich zweifelte immer mehr meine Intension an mich nur in einer Badehose bekleidet hier ins Freie zu begeben. Zu meiner Überraschung offenbarte sich um den nächsten feuerspuckenden Monstergeysir jedoch nicht Saurons Dämonenarmee, sondern eine karibikblauen Seenlandschaft, die sich in starkem Kontrast kaum in die restliche, durchaus lebensfeindliche Umgebung einpasste. Aus Ermangelung an landschaftlichen Bewuchses konnte man aus dem Bus kaum den noch herrschenden Orkanwind erkennen. Dieser offenbarte sich dann aber beim Ausstieg, als einem das Gesicht verzogen wurde als führe man ohne Helm mit 200km/h auf einem Motorrad. Mit einem kurzen Sprint rettete ich mich in die naheliegende bunkerähnliche Schwimmhalle, an die sich die Außenanlage der Blauen Lagune anschloss. 

Drinnen war es durchaus behaglich. Durch die Umkleiden und die mit Naturstein ausgelegten Duschen ging es ins Freie hinaus in den Badebereich. Bloß schnell rein ins Wasser, dachte ich mir. Draußen 5 Grad und peitschender Regen, drinnen dann aber 40° und Wohlfühlen. Schnell lokalisierte ich die Poolbar und die Stelle, an der das heiße Wasser aus dem Erdinneren kam. Als es dann etwas zu warm wurde, lief ich die Poolanlage ab. Wobei das mehr ein Robben auf den Knien war, da die Wasserhöhe nämlich nur bis etwa zum Bauchnabel reichte. Die Kombination aus Bar und sehr warmen Wasser verriet mir jedoch, dass dies kein Konstruktionsfehler war. Auf meiner Runde entdeckte ich ein Dampfbad, einen 40°-warmen Wasserfall und eine Stelle, an der sich ortskundige asiatische Touristen irgendeinen Schlamm ins Gesicht schmierten. Nachdem ich alles ausprobiert hatte und ein paar weiteren Stunden in illustrer Runde verbracht hatte ging es zurück ins Hotel. 

Im Hintergrund gut zu erkennen: Sauron kocht sich ein paar Orks zum Mittagessen.

Am nächsten Tag beim Frühstück konnte ich dann Hanka begrüßen, die einen Tag später angereist war. Anschließend verbrachten wir dann den halben Tag mit dem Geben von Fernseh- und Zeitungsinterviews sowie Fotoshootings in der nahe gelegenen Harpa Music Hall. Warum nun gerade ich zum Interviewpartner auserkoren wurde musste wohl an dem latenten Mangel von richtigen Rennern gelegen haben. Durchaus ungewohnt für mich, wusste ich teilweise auch gar nicht so recht, wie ich auf entsprechende Fragen antworten sollte. Aber die Isländer sind locker und auch weniger ernst gemeinte Antworten auf durchaus ernst gemeinte Fragen kamen gut an. Wie ich mich speziell auf dieses Event vorbereitet hätte, war eine oft gestellte Frage, die ich beim ersten Mal mit einer sportwissenschaftlich fundierten Erklärung beantwortete. 





Harpa Music Hall, Reykjavik.
Als die nächsten Interviewteams wiederholt fragten „Wie haben Sie sich auf dieses Zeitfahren vorbereitet, Herr Ritzel?“ ging ich zu Antworten über wie z.B.: „Ich habe meinen Bierkonsum hektoliterweise nach dem sportwissenschaftlichen Prinzip der progressiven Trainingsbelastung  auf Wikingerniveau angehoben.“ oder auch: „Durch Bartwuchs habe ich mich auf die Witterungsbedingungen eingestellt und  optisch der hiesigen Bevölkerung angepasst“. Durch verständnisvolles Nicken signalisierte der Isländische Interviewer vollstes Verständnis für diese Maßnahmen und bemerkte nur kurz, dass er dann wohl auch ein guter Radfahrer sein könnte. Daraufhin erwiderte ich, dass ich noch nicht wüsste ob diese Trainingstechniken auch funktionieren würden, da ich diese gerade in einem Selbstversuch evaluieren würde. Abschließend versprach ich ihn aber über deren mögliche Wirksamkeit später in Kenntnis zu setzten. Nach dem Medienmarathon und einer weiteren Stunde auf der Rolle im Hotelzimmer folgte noch ein Abendessen mit Hanka und Anhang bevor ich durch das Zuziehen der Doppelrollos künstlich die Nacht einleitete.

Der Renntag selbst ging los, indem ich mich von der immer noch sehr professionellen und viel zu motivierten Hanka zu einem morgendlichen Radtraining überreden ließ. „Das Rennen sei ja erst sehr spät, praktisch erst am nächsten Tag.“ Naja, es musste wohl sein. Den Rest des Tages verdödelte ich dann irgendwie und begab mich gegen 19Uhr zum Warm Up. Das Mitternachtszeitfahren sollte nämlich schon um 21 Uhr starten. Die Strecke war ein fünf Kilometer langer Hin-&-Zurück-Kurs, auf dem sechs Runden absolviert werden mussten. 120 Teilnehmer starteten in verschiedenen Alters- und Radkategorien, also mit oder ohne Zeitfahrequipment und sortiert nach Männchen und Weibchen. Start und Ziel war an der Harpa Music Hall, in der auch das anschließende Benefizkonzert stattfinden sollte. Das Wetter hatte sich zum Glück beruhigt und der Orkan war einem mittelmäßig starken Wind ohne Regen gewichen. Gegen 21:30 rollte ich als letzter Starter von der Rampe. 



Ich fuhr stur meine Zielleistung und hoffte mich damit nicht ganz so doll zu blamieren. Zeitfahren war noch nie mein Ding gewesen. Ungewöhnlich und für mich nicht unbedingt vorteilhaft war, dass alle Starter mit Transpondern ausgestattet waren und die Zuschauer per Live-App die Zeitabstände und aktuellen Platzierungen verfolgen konnten. Nach zwei oder drei Runden musste der Abstand zu den Besten dann soweit angewachsen sein, dass die Anfeuerungen merklich nachließen. So nach dem Motto „Da lohnt sich das Anfeuern nicht mehr“. Ich gab nochmal alles und dachte, wenn ich schon auf der Geraden Zeit verliere, dann hol ich diese einfach in der Kurve auf. Die folgende Start- und Zielkurve fuhr ich dementsprechend „motiviert“ an – also zu schnell. Ich schlitterte mit dem Hinterrad um die 180°-Wende, was zwar nicht meiner Zeit half, aber zumindest die Begeisterung der Zuschauer bezüglich meiner Präsenz wieder anheizte.






Als Letzter gestartet, kam ich dann auch als Letzter ins Ziel. Bei der unmittelbar angeschlossenen Siegerehrung wurde ich zu meinem Erstaunen dann aber auf’s Podest gebeten. Zuerst nahm ich an, dass ich entweder öffentlich blamiert werden sollte und übersetzte in meinem Kopf schon den isländischen Aufruf des Kommentators mit „…und hier, meine Damen und Herren die Loris aus Deutschland“. Als aber keiner hämisch lachte und mit dem Finger auf mich zeigte, nahm ich an, dass das irgend so eine Mitleidstour war. Aber nichts von beiden. In allen Kategorien wurden immer die ersten vier geehrt und ich hatte es tatsächlich noch auf den vierten Platz geschafft. Als die Preise dann übergeben wurden wusste ich warum die Wikinger wie um ihr Leben gefahren waren. Die Platzierungen vor mir wurden mit iPhones der neusten Generation und irgendwelchen Flugreisen geehrt. Ein ordentlicher Standard für ein Jedermannzeitfahren in Mittelerde. Ich habe immerhin einen in Leder gebundenen Island-Bildband bekommen. Außerdem war der ganze Trip für mich ja schon Geschenk genug. Hanka hatte standesgemäß bei den Damen gewonnen.


Nach einer Dusche folgte dann direkt im Anschluss der Besuch des Benefizkonzertes. Ein paar Tausend Leute nickten ausgelassen zu der Isländischen Version von Boy George, der performte, als würde er tatsächlich live singen und als würde kein Playback im Hintergrund laufen. Dann kam die Isländische Version von den Hives, die wirklich live spielten und auch wirklich gut waren. 17 Bier später brauchte ich auch kein Rollo mehr um im Hotel einzuschlafen. Am nächsten Tag wartete dann Palli vor dem Hotel, um mich zum Brunch in den Alvogen-Hauptsitz, dem wohl einzigen Hochhaus in Island zu fahren.  Im Anschluss ging es dann zum Flughafen. Insgesamt muss ich sagen, hat mich Island tief beeindruckt. Die Leute arbeiten äußerst effizient, sind super nett und gleichzeitig sehr gelassen. Und wenn man sich überlegt, dass es gerade mal drei Flugstunden weit weg ist, kann man da auch ab und an mal ein verlängertes Wochenende zubringen. Ich komme jedenfalls definitiv wieder. 

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