| Dänemark voraus. Von Rostock ging die Fähre. |
Innerhalb von guten 10
Stunden schafften wir mit Auto und Fähre die Anreise. Die
Unterkunft befand sich in einem alten, zu einem Hotel umgebauten Kloster aus
grauer Vorzeit, welches direkt am Ufer des Vätternsees, etwa 15 südlich vom
Start- und Zielort Motala lag. Der Bau mit angeschlossener Kirche war massiv
und vermittelte in Verbindung mit toten Tieren an der Wand und überall
vorfindbaren religiösen Relikten sogleich ein Gefühl des Wohlbefindens. Wobei
ich zugeben muss, dass es nach einer Eingewöhnungszeit und Opfergaben an die
Hausgeister durchaus behaglich wurde. Am Anreisetag selbst war dann nur noch
Abendbrot und Bett angesagt.
| Die erst weniger, dann mehr behagliche Unterkunft. |
Am Tag darauf wollten wir eigentlich nur nach Motala und
zurück rollen um die Startunterlagen zu holen und die Beine zu lockern. Wir
machten uns relativ früh auf, denn Ausschlafen war eh nicht möglich. Frühstück
gab es nämlich nur von 6 – 9 Uhr?! Ich konnte mir das nur damit erklären, dass die Sonne bereits um 3:30 Uhr aufging und der Zeitraum ab 6 Uhr nach Schwedischer Definition somit wohl den Langschläfern zugeordnet wird. Für mich war dies jedoch etwas gewöhnungsbedürftig. Wach waren wir jedenfalls und wir machten uns auf. In der Altstadt von Motala fanden
wir dann den Start- und Zielbereich, der im Großen und Ganzen nur aus einem
riesigen Verkaufszelt bestand, in dem die Eventteilnehmer wie wild Schläuche,
Klamotten, Riegel, Lampen etc. kauften. Beim Abholen der Startunterlagen
bemerkte ich, dass an jenem Tag noch ein Rundstreckenrennen stattfinden sollte.
Da ich mich bereits darauf festgelegt hatte Jan mit einer relativ gemäßigten
Zielzeit von 10-11h um den Vätternsee zu pilotieren, anstatt mich mit den
Sub7-Gruppen zu messen, dachte ich mir, dass jede zusätzliche Trainingsbelastung
doch nicht schaden könnte. Also zückte ich meine Lizenz, ließ mir von meinem
Teamkollegen Marco noch die internationale Starterlaubnis zuschicken und legte
300 Kronen Startgeld auf den Tisch. Ich dachte mir, wie schlimm kann ein „Profi“-Rundstreckenrennen
in der Schwedischen Provinz schon werden. Schlimm, wie ich feststellen musste. Der
Kurs war nicht nur mit Kopfsteinpflaster, engen Gassen und scharfen Kurven
gespickt, nein, als sich dann Giant-Shimano am Start neben mir aufstellte
wusste ich, es würde auf’s Fressbrett geben. Ab dem ersten Meter gab es Mord
und Totschlag. Darauf war ich nicht vorbereitet. Als ich dann den Zielberg zum
zweiten Mal mit 700W raufprügelte nur um das Hinterrad meines weit zurückliegenden Vordermanns zu
halten und nach 5min einen Schnitt von 520W auf der Uhr hatte machten sich bei mir eine gewisse Unlust breit. Die nicht weit zurückliegenden drei
Tage in Dänemark, die 10h Anreise und der latente Mangel an mentaler
Präparation halfen auch nicht direkt. Ich merkte dass nicht viel mehr ging an diesem
Tag und rief laut „Grupetto“, in der Hoffnung eine Gruppe von ebenso Leidenden zu
finden, die in einer für weniger ausgeruhte Zweiradathleten
adäquaten Art und Weise zu Ende fahren würden. Aber anstatt weiterzufahren
scherten angesprochene Fahrer gruppenweise links und rechts aus. Also fuhr ich
mit gerade mal zwei weiteren Mitstreitern hinter dem auf 25 Mann geschrumpften,
sich mit Lichtgeschwindigkeit vorwärtsbewegenden Hauptfeld hinterher. Dementsprechend
war ich nicht wirklich böse als nach 35 von 50 angesetzten Minuten der
Rennkommissär bei einer der vielen Rundendurchfahrten mir das internationale
Zeichen für: „Du darfst jetzt Essen und Bier trinken gehen“ gab. Jan hatte schon
bestellt und ich begab mich direkt vom Rennen in das an der Rennstrecke liegende
Restaurant. Als ich mein erstes Bier trank, bekam ich wilden Zuspruch von den meist
älteren und teilweise zahnlosen Schweden an den Nachbartischen für dieses
rigoros lebemännische Verhalten. Geschlafen habe ich gut danach.
| Die Ruhe vor dem Sturm. Der Tag des Rennens mit Start um Mitternacht. |
Der Tag des Rennstarts begann eher ruhig. Ich hantierte mit
meinem Laptop rum, saß am See und guckte mir das Grabmal von irgendeinem toten
Schwedischen König an. Der Tag ging relativ schnell rum. Nach dem Abendbrot
gegen 19 Uhr, welches wir mit Freunden von Jan verbrachten war so eine Art später
Mittagsschlaf angesetzt. Mit dem war mein Körper aber gar nicht einverstanden.
Ich guckte also fern und fing langsam an mein Zeug fertigzumachen. Diese
ausgelassene Ruhephase sollte sich später rächen. Um 22:30 Uhr packten wir dann
die Räder in die Autos und machten uns auf den Weg zum Start in Motala. Durch
mangelnde Ortskenntnis des Führungsfahrzeugs kamen wir spät an und verpassten
unseren auf 23:46 Uhr angesetzten Start. Das war aber halb so wild, da alle zwei
Minuten Gruppen von 50 Mann starteten und die Zeitnahme eh erst bei Überquerung
der Startlinie per Transponder ausgelöst wurde. Mit vier Minuten Verspätung
gingen wir auf die Piste. Unsere Startgruppe ließen wir relativ schnell hinter
uns und reihten uns ein in den Endlosstrom von roten Rücklichtern, die sich vor
uns bis in den bereits nächtlichen Horizont hinein erstreckten. Jedoch nur 30
Minuten nach dem Start verdichtete sich die Glühwürmchenreihe vor uns zu einem immer
näher rückenden Meer der leuchtenden Warnfarbe. Dann war Stau und es ging nur
noch im Schritttempo weiter. Der erste Teilnehmer lag unter dem LKW, war aber
anscheinend noch mit dem Leben davongekommen und wurde bereits ärztlich
versorgt. Nach der kurzen Schiebepassage nahmen wir dann wieder Fahrt auf. Mit
Rückenwind und tendenziell negativem Gefälle bewegten wir uns mit einem 35er
Schnitt in den ersten zwei Stunden vorwärts.
Auf was ich mich eigentlich
eingelassen hatte wurde mir zum ersten Mal klar, als ich nach 2 Stunden das
Schild mit „noch 230km“ am Straßenrand bemerkte. Egal, da hatte ich noch Lust.
Die ersten Verpflegungspunkte ließen wir aus. Beim dritten hielt ich dann an,
füllte Jans Flaschen und aß eine Boulette mit Kartoffelbrei, ne Gurke und trank
so einen warmen Himbeersaft auf den die Schweden so schwören. Dann schloss ich
wieder mit Jan auf, den ich weiterfahren gelassen hatte. Gegen 3:00 Uhr
schwächelte dann nicht nur meine Lampe. Mein Körper wollte jetzt den verpassten
Mittagsschlaf nachholen. Dass Jan mir erzählte, die CIA, das FBI und Co mache
ihre s.g. Raids immer um diese Zeit, da dann der menschliche Biorhythmus
sozusagen am tiefsten Punkt sei, half auch nicht direkt. Gegen 3:30 ging dann
aber zum Glück die Sonne auf, was einige Lebensgeister, dank angekurbelter
Hormonproduktion zurückbrachte. Zusätzlich genehmigten wir uns bei der
100km-Marke einen Kaffee. Ab da ging es wieder einigermaßen und dass obwohl wir
ab der südlichen Spitze des Sees gen Norden in den Gegenwind eindrehen, um an
der anderen Seite entlang mit tendenziell positiven Gefälle wieder Richtung
Motala zu fahren.
Hier und da versuchte ich Jan, der ab 150 zurückgelegten
Kilometer Anzeichen einer schweren Form von Keinelustitis zeigte, mit
motivierenden Worten wie: „Fahr, du faule Sau“ und aufweckenden Backpfeifen dazu zu motivieren bei den an uns vorbeifahrenden Gruppen wenigstens
für einige Kilometer mitzufahren, um zumindest etwas Windschatten zu
schlauchen. Aber nicht nur der Körper schwächelte, auch der Geist. Es wurde
immer schwerer sich zu konzentrieren und dicht am Vordermann zu bleiben. Aber
nicht nur uns ging es so. In einer leichten Abfahrt, als wir am Ende einer
Gruppe fuhren, hing sich eine junge Frau am Hinterrad ihres Vordermannes auf
und legte sich bei voller Fahrt auf die Straße. Der Nebenmann legte sich mit
drauf, Jan touchierte mit seiner Pedale noch den Helm der jungen Frau und ich
konnte gerade noch ausweichen. Jan hielt sogleich an und ich kurz danach. Als
Lizenzrenner hält man beim Sturz Anderer generell nicht an, da das Teamauto
sich schon kümmert. Aber dies war kein Lizenzrennen und als ich realisierte,
dass ich ohne Jan erst mal weitergefahren wär überkam mich ein richtiges
Schamgefühl. Nach dem ersten Schock wär ich sicher umgekehrt, aber es ist schon
interessant, wie das so mit den Gewohnheiten ist. Jedenfalls hielten wir an, um
das Alu-, Carbon- und Menschenknäul zu entflechten und von der Straße zu
räumen um einen weiteren Auffahrunfall zu verhindern. Der Mitgestürzte konnte relativ schnell weiterfahren und auch Jan
schickte ich relativ schnell wieder auf die Strecke. Die junge Frau war jedoch fix und alle –
glücklicherweise aber weitestgehend unverletzt. Außer ein paar Abschürfungen
und Prellungen hatte vor allem das Rad gelitten. Ich richtete beide Bremsen,
die Bremshebel und reparierte den Plattfuß am Vorderrad. Außer einer
ordentlichen, aber nicht schleifenden Acht im Vorderrad bekam ich alles repariert
und das Rad wieder fahrbereit. Davon abgesehen schienen die zehn Minuten guten
Zuredens und ein paar konkrete Handlungsanweisungen zu helfen, sodass My, so
hieß die zuvor noch sehr bleiche Schwedin, mit einer wieder fast normalen Gesichtsfarbe
die Fahrt erneut aufnehmen konnte. Nach ein paar Kilometer könnte ich Jan
wieder einholen und wir fanden relativ schnell wieder unseren Rhythmus.
Ab der 200km-Marke machte es schlichtweg keinen Spaß mehr.
Muskulär ging es und Hunger und Durst spielten auch keine Rolle. Aber mental
war es zäh. Vor allem war ich müde. Ich fühlte mich ähnlich, wie als ich vor
einigen Jahren versuchte mit dem Auto in einem Rutsch von Monterey, CA nach
Grand Junction, CO zu fahren. Irgendwann kann man die Augen nicht mehr offen
halten, egal wie groß der sportliche Ehrgeiz ist. Bei Kilometer 250 erreichten
wir dann die nördliche Spitze des Sees und drehten für die verbleibenden 50km
Richtung Süden auf Motala zu. Ab da hatten wir zumindest wieder Rückenwind.
Aber die Müdigkeit nahm trotzdem nicht ab.
Ganz im Gegenteil. Ich war drauf und dran mich kurz in den Straßengraben
zu legen. 23km vor Schluss kam dann der letzte Verpflegungsposten, bei dem ich den
rettenden Kaffee bekam. Der zündete wie Antibiotika bei Blasenentzündung und
mit dem Ziel vor Augen lief es regelrecht gut ab dem Punkt. Auch Jan konnte
nochmal zulegen und wir flogen über die letzten fünf Kilometer mit einem 40er
Schnitt. Im Ziel gab es dann Fertignudeln und ekliges alkohlfreies Bier, welches
wir bei Sonnenschein und Volksfeststimmung, verschiedenen schwedischen
Schulbands lauschend und auf dem Rasen liegend zu uns nahmen. Im Ziel erfuhr ich
dann, dass auch My es ebenfalls ins Ziel geschafft hatte – und zwar mit 30
Minuten weniger Fahrtzeit als wir gebraucht hatten. Eine hammerharte Schwedin
halt. Jan war glücklich, da er seine Vorjahreszeit um ca. zwei Stunden
verbessert hatte und ich war einfach nur froh, dass es vorbei war. Zeit war mir
eh egal. Danach ging es dann ins Hotel. Nach einer Dusche und drei Stunden
Mittagsschlaf gab es dann mit dem Rest der Gruppe endlich Bier mit Alkohol und
ein gemeinsames Abendessen, bei dem alle heroischen Taten und spannenden sowie amüsanten
Erlebnisse ausgetauscht wurden.
Am darauffolgenden Tag ging es dann per Auto noch ein Stückchen
weiter Richtung Norden nach Stockholm, von wo ich zurückfliegen sollte. Am
Flughafen angekommen packte ich mein Rad in die Radtasche und begab mich mit 90
Minuten Zeitpuffer und großer Gelassenheit in den Terminal. Bei den Schweden
geht es generell relativ ruhig zu. Für meinen Geschmack aber etwas zu ruhig,
was dazu führte, dass meine Gelassenheit erst einem Gefühl der Ungeduld und
später regelrechter Nervosität wich. Es fing damit an, dass am Airlineschalter der
Air Berlin nur eine Person arbeitete, die auch noch zuständig für alle Abflüge
war. Es dauerte ca. 45min bis ich eingecheckt war und meinen Boardingpass in
der Hand hielt. Zwar etwas weniger gelassen, aber noch relativ ruhig ging ich
dann zum Security Check. 10min von meiner Boardingzeit entfernt entdeckte
ich dann, dass es dort ganze zwei Schalter gab - für alle Abliegenden aller
Airlines. Die Menschenschlange reichte bereits aus dem Terminal heraus. Als ich
dann zur Priority-Line ging verschwand meine Restgelassenheit als mir der Mitarbeiter
sagte er könne mich erst durchlassen, wenn meine Boardingzeit überschritten sei, was mir recht sinnfrei erschien.
Also stellte ich mich für 10min ans Ende der Schlange, um dann wieder bei ihm
aufzuschlagen. Nach einigem Gezeter ließ er mich dann passieren. Als ich dann
endlich zum Security Check vordrang, merkte ich warum es so langsam voran ging
(abgesehen davon, dass es nur zwei Schalter gab). Exemplarisch war die folgende
Begegnung: das deutschsprechenden und heftig schwitzende Moppelchen mit
aschenbecherdicken Brillengläsern vor mir in der Reihe hatte zwei Computer
dabei - dem Erscheinungsbild nach wahrscheinlich einen für World of Warcraft
und einen für Youporn. Als dann die Schwedische Sicherheitsmitarbeiterin in
Zeitlupe den zweite Laptop auspackte kommentierte sie dies mit "Oh dear,
you work too much". Aha, dachte ich mir, deswegen rennt der Laden hier so.
Die Sicherheitsmitarbeiterin wusste eben zu verhindern, wie man zu viel arbeitet
– oder zumindest effektiv.
Nachdem ich durch war, blieb noch eine Minute um meine
Restkronen in Skandinavische Schokolade aus Dänemark, Finnland, und Schweden
anzulegen und das stille Örtchen zu besuchen. Dort wurde mir noch eine Sache
klar, die ich vorher schon wahrgenommen aber nicht weiter beachtet hatte. In
Schweden gibt es keine Pissoirs. Aber dafür gibt es zusätzlich zu den
Waschbecken noch jeweils ein Waschbecken in jeder Klokabine. Also steht man da
und wartet nicht nur bis der Vorgänger sein dreckiges Geschäft beendet hat,
sondern auch noch bis er fertig ist mit Händewaschen. Naja, das war wenigstens kongruent
mit der Effektivität des Sicherheitspersonals. Die 90 Minuten Flug nach Berlin
waren dann deutlich angenehmer als die zehnstündige Anreise im Auto. So konnte
ich noch einen entspannten Restsonntag verbringen, den ich auch dringend brauchte,
denn zwei Tage später wartete schon die nächste sportliche Herausforderung. Ich
werde berichten.
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