Seit meiner Zeit als schlecht bezahlter Berufsradfahrer oder besser noch, als überbezahlter Vollzeitamateur hatte ich nicht mehr einen solch dicht gestrickten Rennkalender, wie in diesem Jahr, wobei sich die Art der Events dann teilweise doch deutlich unterscheidet. Ohne großes Zutun meinerseits hat sich durch Einladungen von Freunden ein durchaus wilder Radport-Veranstatlungs-Mix ergeben. Neben den „normalen“ Lizenzrennen an fast jedem Wochenende ist von einem 30km-Zeitfahren in Reykjavik um Mitternacht bis zum sechsmaligen Befahrens des Mont Ventoux an einem Tag alles dabei. Nach der regen Leserschaft des letztjährigen Trans-Alp-Blogs und dem aktuell ähnlich großes Potential in Sachen Unterhaltungswert werde daher über den Verlauf der verbleibenden Saison meine Erlebnisse bei den verschiedenen Veranstaltungen an dieser Stelle mit euch teilen.

Samstag, 21. Juni 2014

Vätternseerunde, Schweden (14./15.06.2014)

Dänemark voraus.
Von Rostock ging die Fähre.
Nach der rasanten Rückfahrt mit Andy Attacke von Dänemark und einem Brückentag, der mit 16h Arbeit gefüllt war ging es sehr früh am Mittwoch, den 11.06.2014 wieder Richtung Nordeuropa. Nur diesmal ging es ein Stück weiter, nämlich nach Schweden zum 300km-Jedermannrennen um den Vätternsee. Ich hatte schon öfters von dem Event gehört, da jedes Jahr Mitglieder meines Heimatvereins, Velox Berlin dort am Start stehen. Als mein Freund Jan mir erzählte er würde dort auch fahren und sich die Möglichkeit ergab bei ihm mitzukommen besiegte die Neugier meinen generellen Unwillen mich für 300km am Stück auf das Rad zu setzten, nur um einen See zu umrunden. Außerdem war ich vorher noch nie in Schweden gewesen. 

Innerhalb von guten 10 Stunden schafften wir mit Auto und Fähre die Anreise. Die Unterkunft befand sich in einem alten, zu einem Hotel umgebauten Kloster aus grauer Vorzeit, welches direkt am Ufer des Vätternsees, etwa 15 südlich vom Start- und Zielort Motala lag. Der Bau mit angeschlossener Kirche war massiv und vermittelte in Verbindung mit toten Tieren an der Wand und überall vorfindbaren religiösen Relikten sogleich ein Gefühl des Wohlbefindens. Wobei ich zugeben muss, dass es nach einer Eingewöhnungszeit und Opfergaben an die Hausgeister durchaus behaglich wurde. Am Anreisetag selbst war dann nur noch Abendbrot und Bett angesagt. 


Die erst weniger, dann mehr behagliche Unterkunft.

Am Tag darauf wollten wir eigentlich nur nach Motala und zurück rollen um die Startunterlagen zu holen und die Beine zu lockern. Wir machten uns relativ früh auf, denn Ausschlafen war eh nicht möglich. Frühstück gab es nämlich nur von 6 – 9 Uhr?! Ich konnte mir das nur damit erklären, dass die Sonne bereits um 3:30 Uhr aufging und der Zeitraum ab 6 Uhr nach Schwedischer Definition somit wohl den Langschläfern zugeordnet wird. Für mich war dies jedoch etwas gewöhnungsbedürftig. Wach waren wir jedenfalls und wir machten uns auf. In der Altstadt von Motala fanden wir dann den Start- und Zielbereich, der im Großen und Ganzen nur aus einem riesigen Verkaufszelt bestand, in dem die Eventteilnehmer wie wild Schläuche, Klamotten, Riegel, Lampen etc. kauften. Beim Abholen der Startunterlagen bemerkte ich, dass an jenem Tag noch ein Rundstreckenrennen stattfinden sollte. Da ich mich bereits darauf festgelegt hatte Jan mit einer relativ gemäßigten Zielzeit von 10-11h um den Vätternsee zu pilotieren, anstatt mich mit den Sub7-Gruppen zu messen, dachte ich mir, dass jede zusätzliche Trainingsbelastung doch nicht schaden könnte. Also zückte ich meine Lizenz, ließ mir von meinem Teamkollegen Marco noch die internationale Starterlaubnis zuschicken und legte 300 Kronen Startgeld auf den Tisch. Ich dachte mir, wie schlimm kann ein „Profi“-Rundstreckenrennen in der Schwedischen Provinz schon werden. Schlimm, wie ich feststellen musste. Der Kurs war nicht nur mit Kopfsteinpflaster, engen Gassen und scharfen Kurven gespickt, nein, als sich dann Giant-Shimano am Start neben mir aufstellte wusste ich, es würde auf’s Fressbrett geben. Ab dem ersten Meter gab es Mord und Totschlag. Darauf war ich nicht vorbereitet. Als ich dann den Zielberg zum zweiten Mal mit 700W raufprügelte nur um das Hinterrad meines weit zurückliegenden Vordermanns zu halten und nach 5min einen Schnitt von 520W auf der Uhr hatte machten sich bei mir eine gewisse Unlust breit. Die nicht weit zurückliegenden drei Tage in Dänemark, die 10h Anreise und der latente Mangel an mentaler Präparation halfen auch nicht direkt. Ich merkte dass nicht viel mehr ging an diesem Tag und rief laut „Grupetto“, in der Hoffnung eine Gruppe von ebenso Leidenden zu finden, die in einer für weniger ausgeruhte Zweiradathleten adäquaten Art und Weise zu Ende fahren würden. Aber anstatt weiterzufahren scherten angesprochene Fahrer gruppenweise links und rechts aus. Also fuhr ich mit gerade mal zwei weiteren Mitstreitern hinter dem auf 25 Mann geschrumpften, sich mit Lichtgeschwindigkeit vorwärtsbewegenden Hauptfeld hinterher. Dementsprechend war ich nicht wirklich böse als nach 35 von 50 angesetzten Minuten der Rennkommissär bei einer der vielen  Rundendurchfahrten mir das internationale Zeichen für: „Du darfst jetzt Essen und Bier trinken gehen“ gab. Jan hatte schon bestellt und ich begab mich direkt vom Rennen in das an der Rennstrecke liegende Restaurant. Als ich mein erstes Bier trank, bekam ich wilden Zuspruch von den meist älteren und teilweise zahnlosen Schweden an den Nachbartischen für dieses rigoros lebemännische Verhalten. Geschlafen habe ich gut danach.


Die Ruhe vor dem Sturm. Der Tag des Rennens mit Start um Mitternacht.
Der Tag des Rennstarts begann eher ruhig. Ich hantierte mit meinem Laptop rum, saß am See und guckte mir das Grabmal von irgendeinem toten Schwedischen König an. Der Tag ging relativ schnell rum. Nach dem Abendbrot gegen 19 Uhr, welches wir mit Freunden von Jan verbrachten war so eine Art später Mittagsschlaf angesetzt. Mit dem war mein Körper aber gar nicht einverstanden. Ich guckte also fern und fing langsam an mein Zeug fertigzumachen. Diese ausgelassene Ruhephase sollte sich später rächen. Um 22:30 Uhr packten wir dann die Räder in die Autos und machten uns auf den Weg zum Start in Motala. Durch mangelnde Ortskenntnis des Führungsfahrzeugs kamen wir spät an und verpassten unseren auf 23:46 Uhr angesetzten Start. Das war aber halb so wild, da alle zwei Minuten Gruppen von 50 Mann starteten und die Zeitnahme eh erst bei Überquerung der Startlinie per Transponder ausgelöst wurde. Mit vier Minuten Verspätung gingen wir auf die Piste. Unsere Startgruppe ließen wir relativ schnell hinter uns und reihten uns ein in den Endlosstrom von roten Rücklichtern, die sich vor uns bis in den bereits nächtlichen Horizont hinein erstreckten. Jedoch nur 30 Minuten nach dem Start verdichtete sich die Glühwürmchenreihe vor uns zu einem immer näher rückenden Meer der leuchtenden Warnfarbe. Dann war Stau und es ging nur noch im Schritttempo weiter. Der erste Teilnehmer lag unter dem LKW, war aber anscheinend noch mit dem Leben davongekommen und wurde bereits ärztlich versorgt. Nach der kurzen Schiebepassage nahmen wir dann wieder Fahrt auf. Mit Rückenwind und tendenziell negativem Gefälle bewegten wir uns mit einem 35er Schnitt in den ersten zwei Stunden vorwärts. 

Auf was ich mich eigentlich eingelassen hatte wurde mir zum ersten Mal klar, als ich nach 2 Stunden das Schild mit „noch 230km“ am Straßenrand bemerkte. Egal, da hatte ich noch Lust. Die ersten Verpflegungspunkte ließen wir aus. Beim dritten hielt ich dann an, füllte Jans Flaschen und aß eine Boulette mit Kartoffelbrei, ne Gurke und trank so einen warmen Himbeersaft auf den die Schweden so schwören. Dann schloss ich wieder mit Jan auf, den ich weiterfahren gelassen hatte. Gegen 3:00 Uhr schwächelte dann nicht nur meine Lampe. Mein Körper wollte jetzt den verpassten Mittagsschlaf nachholen. Dass Jan mir erzählte, die CIA, das FBI und Co mache ihre s.g. Raids immer um diese Zeit, da dann der menschliche Biorhythmus sozusagen am tiefsten Punkt sei, half auch nicht direkt. Gegen 3:30 ging dann aber zum Glück die Sonne auf, was einige Lebensgeister, dank angekurbelter Hormonproduktion zurückbrachte. Zusätzlich genehmigten wir uns bei der 100km-Marke einen Kaffee. Ab da ging es wieder einigermaßen und dass obwohl wir ab der südlichen Spitze des Sees gen Norden in den Gegenwind eindrehen, um an der anderen Seite entlang mit tendenziell positiven Gefälle wieder Richtung Motala zu fahren.

Hier und da versuchte ich Jan, der ab 150 zurückgelegten Kilometer Anzeichen einer schweren Form von Keinelustitis zeigte, mit motivierenden Worten wie: „Fahr, du faule Sau“ und aufweckenden Backpfeifen dazu zu motivieren bei den an uns vorbeifahrenden Gruppen wenigstens für einige Kilometer mitzufahren, um zumindest etwas Windschatten zu schlauchen. Aber nicht nur der Körper schwächelte, auch der Geist. Es wurde immer schwerer sich zu konzentrieren und dicht am Vordermann zu bleiben. Aber nicht nur uns ging es so. In einer leichten Abfahrt, als wir am Ende einer Gruppe fuhren, hing sich eine junge Frau am Hinterrad ihres Vordermannes auf und legte sich bei voller Fahrt auf die Straße. Der Nebenmann legte sich mit drauf, Jan touchierte mit seiner Pedale noch den Helm der jungen Frau und ich konnte gerade noch ausweichen. Jan hielt sogleich an und ich kurz danach. Als Lizenzrenner hält man beim Sturz Anderer generell nicht an, da das Teamauto sich schon kümmert. Aber dies war kein Lizenzrennen und als ich realisierte, dass ich ohne Jan erst mal weitergefahren wär überkam mich ein richtiges Schamgefühl. Nach dem ersten Schock wär ich sicher umgekehrt, aber es ist schon interessant, wie das so mit den Gewohnheiten ist. Jedenfalls hielten wir an, um das Alu-, Carbon- und Menschenknäul zu entflechten und von der Straße zu räumen um einen weiteren Auffahrunfall zu verhindern. Der Mitgestürzte konnte relativ schnell weiterfahren und auch Jan schickte ich relativ schnell wieder auf die Strecke. Die junge Frau war jedoch fix und alle – glücklicherweise aber weitestgehend unverletzt. Außer ein paar Abschürfungen und Prellungen hatte vor allem das Rad gelitten. Ich richtete beide Bremsen, die Bremshebel und reparierte den Plattfuß am Vorderrad. Außer einer ordentlichen, aber nicht schleifenden Acht im Vorderrad bekam ich alles repariert und das Rad wieder fahrbereit. Davon abgesehen schienen die zehn Minuten guten Zuredens und ein paar konkrete Handlungsanweisungen zu helfen, sodass My, so hieß die zuvor noch sehr bleiche Schwedin, mit einer wieder fast normalen Gesichtsfarbe die Fahrt erneut aufnehmen konnte. Nach ein paar Kilometer könnte ich Jan wieder einholen und wir fanden relativ schnell wieder unseren Rhythmus.


Ab der 200km-Marke machte es schlichtweg keinen Spaß mehr. Muskulär ging es und Hunger und Durst spielten auch keine Rolle. Aber mental war es zäh. Vor allem war ich müde. Ich fühlte mich ähnlich, wie als ich vor einigen Jahren versuchte mit dem Auto in einem Rutsch von Monterey, CA nach Grand Junction, CO zu fahren. Irgendwann kann man die Augen nicht mehr offen halten, egal wie groß der sportliche Ehrgeiz ist. Bei Kilometer 250 erreichten wir dann die nördliche Spitze des Sees und drehten für die verbleibenden 50km Richtung Süden auf Motala zu. Ab da hatten wir zumindest wieder Rückenwind. Aber die Müdigkeit nahm trotzdem nicht ab.  Ganz im Gegenteil. Ich war drauf und dran mich kurz in den Straßengraben zu legen. 23km vor Schluss kam dann der letzte Verpflegungsposten, bei dem ich den rettenden Kaffee bekam. Der zündete wie Antibiotika bei Blasenentzündung und mit dem Ziel vor Augen lief es regelrecht gut ab dem Punkt. Auch Jan konnte nochmal zulegen und wir flogen über die letzten fünf Kilometer mit einem 40er Schnitt. Im Ziel gab es dann Fertignudeln und ekliges alkohlfreies Bier, welches wir bei Sonnenschein und Volksfeststimmung, verschiedenen schwedischen Schulbands lauschend und auf dem Rasen liegend zu uns nahmen. Im Ziel erfuhr ich dann, dass auch My es ebenfalls ins Ziel geschafft hatte – und zwar mit 30 Minuten weniger Fahrtzeit als wir gebraucht hatten. Eine hammerharte Schwedin halt. Jan war glücklich, da er seine Vorjahreszeit um ca. zwei Stunden verbessert hatte und ich war einfach nur froh, dass es vorbei war. Zeit war mir eh egal. Danach ging es dann ins Hotel. Nach einer Dusche und drei Stunden Mittagsschlaf gab es dann mit dem Rest der Gruppe endlich Bier mit Alkohol und ein gemeinsames Abendessen, bei dem alle heroischen Taten und spannenden sowie amüsanten Erlebnisse ausgetauscht wurden.

Am darauffolgenden Tag ging es dann per Auto noch ein Stückchen weiter Richtung Norden nach Stockholm, von wo ich zurückfliegen sollte. Am Flughafen angekommen packte ich mein Rad in die Radtasche und begab mich mit 90 Minuten Zeitpuffer und großer Gelassenheit in den Terminal. Bei den Schweden geht es generell relativ ruhig zu. Für meinen Geschmack aber etwas zu ruhig, was dazu führte, dass meine Gelassenheit erst einem Gefühl der Ungeduld und später regelrechter Nervosität wich. Es fing damit an, dass am Airlineschalter der Air Berlin nur eine Person arbeitete, die auch noch zuständig für alle Abflüge war. Es dauerte ca. 45min bis ich eingecheckt war und meinen Boardingpass in der Hand hielt. Zwar etwas weniger gelassen, aber noch relativ ruhig ging ich dann zum Security Check. 10min von meiner Boardingzeit entfernt entdeckte ich dann, dass es dort ganze zwei Schalter gab - für alle Abliegenden aller Airlines. Die Menschenschlange reichte bereits aus dem Terminal heraus. Als ich dann zur Priority-Line ging verschwand meine Restgelassenheit als mir der Mitarbeiter sagte er könne mich erst durchlassen, wenn meine Boardingzeit überschritten sei, was mir recht sinnfrei erschien. Also stellte ich mich für 10min ans Ende der Schlange, um dann wieder bei ihm aufzuschlagen. Nach einigem Gezeter ließ er mich dann passieren. Als ich dann endlich zum Security Check vordrang, merkte ich warum es so langsam voran ging (abgesehen davon, dass es nur zwei Schalter gab). Exemplarisch war die folgende Begegnung: das deutschsprechenden und heftig schwitzende Moppelchen mit aschenbecherdicken Brillengläsern vor mir in der Reihe hatte zwei Computer dabei - dem Erscheinungsbild nach wahrscheinlich einen für World of Warcraft und einen für Youporn. Als dann die Schwedische Sicherheitsmitarbeiterin in Zeitlupe den zweite Laptop auspackte kommentierte sie dies mit "Oh dear, you work too much". Aha, dachte ich mir, deswegen rennt der Laden hier so. Die Sicherheitsmitarbeiterin wusste eben zu verhindern, wie man zu viel arbeitet – oder zumindest effektiv.
Nachdem ich durch war, blieb noch eine Minute um meine Restkronen in Skandinavische Schokolade aus Dänemark, Finnland, und Schweden anzulegen und das stille Örtchen zu besuchen. Dort wurde mir noch eine Sache klar, die ich vorher schon wahrgenommen aber nicht weiter beachtet hatte. In Schweden gibt es keine Pissoirs. Aber dafür gibt es zusätzlich zu den Waschbecken noch jeweils ein Waschbecken in jeder Klokabine. Also steht man da und wartet nicht nur bis der Vorgänger sein dreckiges Geschäft beendet hat, sondern auch noch bis er fertig ist mit Händewaschen. Naja, das war wenigstens kongruent mit der Effektivität des Sicherheitspersonals. Die 90 Minuten Flug nach Berlin waren dann deutlich angenehmer als die zehnstündige Anreise im Auto. So konnte ich noch einen entspannten Restsonntag verbringen, den ich auch dringend brauchte, denn zwei Tage später wartete schon die nächste sportliche Herausforderung. Ich werde berichten.

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